Die Nachricht

Es war Freitag, der 21. Juni 2115, und Tian Fen sah auf den sonnenbeschienenen Kalender. Beim Blick auf die Zahlen glitten seine Gedanken fort nach New Caledon und er dachte an die Geschehnisse, die sich dort vor ein paar Tagen ereignet hatten. Doch Fen besann sich schnell wieder, schließlich war er nicht in der viele Tausende Kilometer entfernten Hauptstadt der Erde, sondern in Tenggara Haven.

Fen seufzte und bereitete sich seinen täglichen Ginseng-Tee zu, eine Gewohnheit, welche er sich während seiner Zeit in Sichuan angeeignet hatte, als das Leben noch einfacher und unkomplizierter schien. Seine Vergangenheit lag zwar längst hinter ihm, dennoch fühlte er sich noch immer als Sicherheitskraft von ›BioGenetics‹. Mit seinen 55 Jahren zählte Tian Fen in diesem Geschäft bereits zum alten Eisen, und er musste längst nicht mehr das Forschungsgelände des Konzerns bewachen. Doch im Gegensatz zu vielen seiner früheren Kameraden hatten ihn die körperlichen Strapazen des Alters bisher verschont. Entzündete Sehnen, gerissene Bänder, Schleimbeutelentzündungen kannte er nur aus den Erzählungen anderer.

Während der Tee langsam zog, erfüllte der herbe Duft von Ginseng die Luft in seiner bescheidenen Wohnung, vermengt mit den Gerüchen der Großstadt, die durch das offene Fenster von den Straßen unter ihm aufstiegen. Fen trat ins morgendliche Licht und sah hinaus. Er mochte Tenggara Haven, diese Oase der Urbanität inmitten einer sattgrünen Tropenlandschaft, welche geprägt von hoch aufragenden gläsernen Wohntürmen und dem nie verstummenden Summen fliegender Fahrzeuge war. Und welche eine ganz eigene sonderbare Atmosphäre verströmte und welche ihre ganz eigenen Geheimnisse in sich trug.

Medusa, Fens schwarz-weiße Katze, sprang auf die mit Kräutertöpfen besetzte Fensterbank und schmiegte sich sanft schnurrend an seine Seite. Die Verbundenheit, die sich im Laufe der Jahre zwischen ihnen gebildet hatte, war annähernd so fest, als wäre Medusa ein Mensch.

Fen ließ seine vierbeinige Mitbewohnerin am offenen Fenster zurück und trat in den engen Flur, wo er einen Karton aus dem oberen Fach des Kleiderschranks hervorholte und einen Stapel Fotos herausfischte. Eine Mischung aus Wehmut und Resignation durchspülte sein Bewusstsein, und ein unerwarteter Schleier salzigen Wassers bildete sich auf den Kanten seiner Lider. Er trübte seinen Blick auf die immer mehr verblassenden Erinnerungen an Ehuang. Es waren vergangene Zeiten, Momente einer glücklichen Ehe, aber vor allem der Trauer, festgehalten auf einem Stück Papier in seinen alternden Händen.

Fen legte die Fotos wieder in den Karton, ging zurück in die Küche und nahm den Teefilter aus seiner blauen Porzellantasse. Gedankenverloren blickte er auf die Hochhäuser von Tenggara Haven, als seine Melancholie einem Gefühl der Vorfreude wich. Medusa hüpfte von der Fensterbank auf die Küchenarbeitsfläche, und drückte ihren weichen Kopf gegen Fens Hand, welche die heiße Tasse frischen Tees umklammerte. Medusas Schnurren übertönte die Geräusche der Stadt und erfüllte Fens kleine Wohnung mit einem Hauch Wärme, die er seit Jahren schmerzlich vermisste. Ihre Pfoten tapsten dabei knisternd auf der Papierausgabe von ›China Today‹.

Plötzlich unterbrach das leise Surren eines Handys die Stille. Es stand kein Name auf dem Display, doch Fen kannte die Nummer. Er hob es an sein Ohr.

»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte er sich sofort.

Die Stimme am anderen Ende war schwach, aber verständlich genug, um ihm mitzuteilen, was geschehen war. Fen atmete tief durch und versuchte, seine Aufregung zu verbergen.

»Dann hast du eine gute Reise gehabt, nehme ich an?«, fragte er.

Der Anrufer erzählte. Fen wusste, dass der Kerl, den er noch nie persönlich getroffen hatte, für gewöhnlich recht wortkarg ihm gegenüber war. Umso mehr überraschte es ihn, dass an diesem Morgen die Worte nur so aus ihm heraussprudelten.

»Das freut mich, mein Guter«, sagte Fen. »Es ist schön, dass ich auf dich zählen kann.«

Die Stimme am anderen Ende des Telefons fuhr fort.

»Nein, der 1. Juli sollte passen«, erklärte Fen. »Es kann sein, dass ich kurz unterwegs bin. Das sollte kein Problem sein.«

Fen spürte, wie sich bei der Antwort des Anrufers vor Aufregung seine Nackenhaare aufstellten.

»Das weiß ich … Kein Problem. Wir werden schnell sein … Ich bin gewohnt, dass die Zeit nicht für mich arbeitet. Nimm du dir aber die Zeit, die du brauchst … Der Seeweg ist eine gute Idee, nicht so stark überwacht. Melde dich einfach bei mir, wenn du in der Stadt bist.«

Dann legte Fen auf. Seine Hand ließ die Tasse los und er streichelte Medusas Rücken. Dabei blickte er ein weiteres Mal hinaus auf die Hochhäuser. Die Vorfreude auf das, was kommen würde, erfüllte ihn mit einer Mischung aus Aufregung und Nervosität. Ein neuer Tag hatte begonnen, doch es war weit mehr als das. In Fen erwuchs ein Gefühl, so, als hätte für ihn ein neues Leben begonnen.

Tenggara Haven

Montag, 01. Juli 2115

Carter saß in einem fliegenden Bus und blickte mit einer Mischung aus Unbehagen und Neugier seinem ersten Arbeitstag entgegen. Die grauenvollen Ereignisse von New Caledon lagen nun schon zweieinhalb Wochen hinter ihm, doch nichts von alldem würde je verblassen. Im Gegenteil, es hatte sich für immer in sein Gedächtnis eingebrannt. Unter ihm breitete sich Tenggara Haven aus.

Die Millionenmetropole im Osten der Insel Sumbawa befand sich im Herzen der Südostasiatischen Föderation – die Jahrhunderte lang unter dem Namen Indonesien bekannt gewesen war – und stand durch ihre tropische Umgebung in krassem Kontrast zu den eisigen Betonschluchten von New Caledon. Die Gebäude waren nicht schwindelerregend hoch aufgetürmt, auch wenn es etliche Wolkenkratzer gab, sondern bildeten verträgliche Akzente menschlicher Baukunst zwischen dem Grün, dem Wasser, der Wärme und der Sonne.

Doch selbst in diesem vermeintlichen Paradies sah Carter die Unruhe. Sie manifestierte sich in den Straßen und an den Gebäuden in Tausenden Transparenten mit Slogans gegen die Erdregierung. Seit Carter in Tenggara Haven war, und das war er nun immerhin schon seit drei Tagen, schienen sie allgegenwärtig zu sein.

Der Bus glitt brummend durch die Luft, und Carter ließ seinen Blick über die schillernde Skyline schweifen. Die tropischen Farben der Stadt verschmolzen mit dem vielversprechenden Himmel, und tief unten in den Straßen sah er die Bewohner, von denen er mittlerweile wusste, dass es ein wuseliges Gewirr verschiedenster Nationen war. Die Sonnenstrahlen berührten Carters Gesicht, und für einen Moment vergaß er die düsteren Schatten seiner Vergangenheit.

Eine Roboterstimme riss ihn aus seinen Gedanken: »Nächster Halt: Subahra Point.«

Der Bus sank in die Tiefe und vor der Scheibe tauchte der Haltepunkt auf, ein lebendiger Knotenpunkt inmitten des urbanen Dschungels. Zwischen all den wartenden und umsteigenden Menschen entdeckte Carter auch hier Transparente mit rebellischen Slogans. Seit seiner Ankunft in dieser Ecke der Föderation hatte er bemerkt, wie kunstvoll und farbenfroh manche von ihnen bemalt waren. Man konnte glatt meinen, das Gestalten von Protestplakaten sei für die Bewohner Tenggaras ein Volkssport.

»Freiheit für Tenggara!«, las Carter an der Mauer eines Bussteigs.

Eine Flagge wehte auf dem Dach eines Ladens: »Gegen das Unterdrückungsregime!«

Dies waren keine leeren Phrasen, sondern Schreie der Unzufriedenheit, die im tropischen Wind des landenden Busses flatterten.

Carters Mitreisende waren ein bunt gemischtes Ensemble, welches die Vielschichtigkeit von Tenggara Haven widerspiegelte. Ein älterer Mann mit einem bedächtigen Blick, der trotz fehlender Zähne beeindruckend selbstbewusst erschien, eine junge Frau mit kurzgeschorenem Haar und Nasenpiercing, und eine Gruppe etwa zwölfjähriger Kinder, die zusammen mit einem Haushaltsroboter im Kinderwagenbereich stand und sich in einer für Carter fremden Sprache amüsierte.

Mit einem Ruck landete der Bus auf dem Haltepunkt, und auf das zischende Öffnen der schmalen Türen stiegen die Passagiere hinaus in die sengende Vormittagshitze. Der Boden unter Carters Schuhen war warm, als er den pulsierenden Subahra Point mitten in Tenggara Haven betrat.

Der Bus selbst war kein futuristisches Kunstwerk, sondern eine Reliquie vergangener Zeiten mit einer altertümlichen Karosserie, die aus dem vorletzten Jahrhundert zu sein schien. Nachdem die Fahrgäste ausgestiegen waren, erhob sich das Gefährt mit lautem Knattern wieder, angetrieben von kräftigen Düsen.

In der Luft lag ein Geruchsdurcheinander aus tropischen Aromen, Abgasen umherschwirrende Fahrzeuge und dem nahen Meer. Die süße Note von exotischen Blumen vermischte sich mit dem Duft von Gewürzen und Räucherstäbchen der zahllosen Straßenstände, und obwohl diese Vielfalt an Sinneseindrücken äußerst homogen auf einen Neuling wie Carter wirkte, so meinte er gleichzeitig, eine gewisse Spannung zu spüren. Als würde das Kaleidoskop dieser widersprüchlichen Gerüche den Konflikt der Stadt mit der Erdregierung widerspiegeln.

Carter war ein Fremder in dieser faszinierenden Mischung aus Hochhäusern, Elendsvierteln und Dschungel, in dieser Pracht aus Farben, Gerüchen und Geräuschen. Doch er hatte keine Zeit, die raue Schönheit all dessen zu erfassen, und während Carter durch die Straßen von Tenggara Haven ging, konnte er die Schreie der weiteren Transparente förmlich hören.

»Nieder mit der Allianz!«, und: »Die Rebellion – Unsere unbesiegbare Hüterin des Friedens!«, hallten in seinem Inneren wider.

Carter lenkte sich ab, um nicht in einem Sog aus negativen Gedanken zu versinken. Schließlich war er auf dem Weg zu seiner neuen Arbeit. Nach der missglückten Geiselbefreiung in New Caledon waren die ›Rascals‹ nicht mehr seine Einheit. Sie gehörte jetzt Snake. Verdammt, Carter war nicht einmal mehr ein Mitglied der Earth Alliance!

Der warme Wind trug die exotischen Düfte der Stadt mit sich, als Carter Reed die Polizeistation 327 am Rand der Innenstadt erreichte. Bereits bevor er die Tür des heruntergekommenen Gebäudes öffnete, spürte er eine üble Aura, und sein Gefühl verstärkte sich noch, als er eintrat.

Die Wache wirkte wie ein Ort, an dem die Gesetze ihre eigene Definition hatten. Schummrige Neonlichter flackerten über abgenutzten Möbeln und einem veralteten wie verlassenen Empfangstresen. Der Geruch von kaltem Kaffee, jahrzehntelangem Nikotinkonsum und vergilbten Aktenordnern hing in der Luft. Carter konnte förmlich die abgestandene Atmosphäre der Gleichgültigkeit spüren, die sich wie ein unsichtbarer Schleier über die Räume legte.

Na, das kann ja lustig werden, dachte er sich.

Niemand war da, um ihn zu empfangen, also folgte Carter dem einzigen Flur und trat an dessen Ende in einen Raum, der ihm wie ein Aufenthaltsraum erschien. Als er durch die Tür trat, wehte ihm ein unheilvolles Schweigen entgegen, denn vor ihm an einem abgenutzten Tisch saßen seine neuen Kollegen und musterten ihn argwöhnisch.

Im Zentrum der vier Polizisten saß ein dicker weißer Kerl mit stumpfem Blick. Neben ihm ein Afro-Amerikaner mit langen Dreadlocks, auf dessen linkem Auge eine Augenklappe saß. Er schlürfte verdrießlich seinen Kaffee und schenkte Carter einen derart finsteren Blick, dass man meinte, er könnte ihn damit in Staub verwandeln. Am Fenster stand ein ausgemergelter Asiate, der mit einer besorgniserregenden Mischung aus Fürsorglichkeit und Wahnsinn auf die Elektroschockpistole in seinen Händen starrte. Dabei brannte die Zigarette in seinem faltigen Mund ab, ohne dass Carter den Mann atmen sah. Ein ebenso hagerer Kerl mit dünnem kurzem Haar, vielleicht 20 Jahre älter als Carter selbst, erhob sich und blickte überheblich an ihm herab.

»Carter Reed, nehme ich an«, sagte er. »Ich bin Captain Janaka und ich heiße Sie willkommen, auch wenn das für Sie keine besonders angenehme Angelegenheit sein dürfte. Ich stelle Ihnen kurz das Team vor, und ich gebe Ihnen den guten Rat: Lernen Sie unsere Namen schnell.«

Das dicke Weißbrot in der Mitte der Gruppe lachte verächtlich auf.

»Das ist Rick«, stellte Captain Janaka ihn vor. »Der freundliche Kerl mit der ausgeprägten Vorliebe für Kaffee ist Joseph Davis und der Elektroschock-Flüsterer da drüben ist Wu Cheng Shu.«

Captain Janaka hatte offenbar die Kunst des Herabsetzens in Wort und Gestikulation perfektioniert und er warf Carter einen vernichtenden Blick zu, der wie ein Vorgeschmack auf die kommenden Tage wirkte.

Rick konnte sein Grinsen kaum unterdrücken. »Also schön, Captain Reed, oder soll ich besser sagen, Ex-Captain? Sieht so aus, als hätten die Götter dich vom Olymp der Allianz verbannt und hierher, in unser bescheidenes Reich des Verfalls geschickt.«

»Würde es dir etwas ausmachen, wenn du mir deine unqualifizierte Meinung nicht gleich am ersten Tag kundtust?«, fragte Carter.

Captain Janaka lächelte, was mehr Bitterkeit als Freude ausdrückte. »Mister Reed. Rick hat recht. Ihre glorreichen Tage als Captain sind vorbei. Willkommen im Schattenreich der Mittelmäßigkeit. Hier gibt es einen Haufen Abschaum, der nur darauf wartet, von einem energischen Polizisten kontrolliert zu werden.«

Carter unterdrückte einen Seufzer und versuchte, die Verachtung aus seiner Stimme zu halten. »Ich bin hier, um meinen Dienst zu erledigen. Mein Rangabzeichen mag weg sein, aber meine Pflichten bleiben.«

Rick lachte spöttisch. »Pflichten? Guck dich um! Hast du einen Schimmer, wo du gelandet bist? Du bist jetzt einer von uns, ein einfacher Bulle ohne Glamour oder Ruhm. Die Straßen von Tenggara Haven sind dein neues Schlachtfeld, Captain Niemand.«

Carter spürte, wie Druck und Hitze in seiner Brust anschwollen, aber er zwang sich, weiterhin ruhig zu bleiben. »Noch einmal, ich bin hier, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Ränge interessieren mich nicht mehr. Wird es so etwas wie eine Einweisung geben?«

Janaka schnalzte mit der Zunge. »Also, mein Rang sollte Sie schon interessieren, Reed. Sie werden sich an die Einfachheit gewöhnen müssen. Kein sauberer ›Defense Hub‹ mehr, keine schicken Uniformen. Nur Schichtarbeit, kaputte Straßen und das Gezänk der Unterwelt.«

Rick legte den Kopf schief und musterte Carter herausfordernd. Carter ballte die Fäuste.

Er sagte: »Die äußeren Umstände sind mir nicht wichtig. Mir geht es darum, die Menschen zu schützen, nicht um eure Spielchen mitzumachen.«

Janaka lachte auf. »Schutz? In Tenggara Haven schützen wir uns selbst. Keiner hier wird Sie für irgendwas respektieren.«

Carter spürte, wie der Schmerz der Demütigung an ihm nagte, aber er verkniff sich eine Antwort. Die Worte seiner neuen Kollegen glichen giftigen Pfeilen, und er würde sich bei diesen Idioten nicht durch Worte, sondern durch Taten seinen Respekt erarbeiten müssen.

Janaka setzte sich wieder, lehnte sich zurück und betrachtete Carter mit spöttischer Zufriedenheit. »Willkommen im Abgrund, Reed. Hier werden Sie begreifen, dass Sie nichts mehr sind.«

Die nächsten Tage in Tenggara Haven versprachen für Carter alles andere als ein reibungsloser Neustart zu werden. Die schäbige Polizeiwache und die abfällige Haltung seiner neuen Kollegen verstärkten das Gefühl der Isolation und Carter blickte seiner Zukunft mit wenig positiven Gefühlen entgegen.

Patrouille

Die Hoverbikes schwebten über eine schmale Straße abseits der schillernden Innenstadt von Tenggara Haven. Eine Mischung aus Dunst und Abgasen hüllte die Spitzen der Gebäude ein, während der Himmel sich in einem fernen Blau abzeichnete. Joseph Davis war Carters Begleitung auf seiner ersten Patrouille an diesem Montagvormittag, und der Ex-Captain fragte sich, mit welchem seiner neuen Kollegen er am wenigsten ungern unterwegs gewesen wäre. Davis schien kein besonders feinfühliges Naturell zu besitzen, aber das hatte Carter bereits vermutet.

Die beiden Polizisten navigierten ihre Hoverbikes geschickt durch die Straßen, die vom Geruch illegaler Feuer und der Aussichtslosigkeit des Armenviertels durchzogen waren.

Der Weg war gesäumt von heruntergekommenen Baracken aus Wellblech und Bambus, an deren Wänden und Dächern der Zahn der Zeit nagte und an denen die Narben der Vernachlässigung sichtbar waren. In der Ferne ragten trübe Hochhäuser auf, stumme Zeugen des sozialen Ungleichgewichts. Als Carter und Davis in eine kleine Straße entlang eines schlammig braunen Bachs einbogen, entdeckte Carter linker Hand einen Antikladen. Er verlangsamte seinen Flug.

»So etwas habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen!«, staunte er.

»Ha!«, lachte Davis rau. »Solche Drecksbuden findest du hier alle paar Meter. Komm jetzt, Frischfleisch!«

Joseph flog bereits weiter, doch Carters Blick haftete noch einen Augenblick auf den am Eingang dargebotenen Waren. Die Batteriepacks, Spielekonsolen, Hausgeräte, Handykomponenten sahen allesamt mehr nach Krempel als nach kostbaren Antiquitäten aus. Dann fiel sein Blick auf ein Hoverbike, auf dessen Batterieblock unterhalb des Sitzes ein markant orangefarbener Totenkopfaufkleber prangte. Kopfschüttelnd beschleunigte er und holte zu Davis auf, der bereits weitergeflogen war.

Die Menschen, die sich durch die Straßen bewegten, waren von der Härte des Lebens gezeichnet, atmeten so viel Verzweiflung wie Überlebenswillen. Ihre Kleidung wirkte einfach, aber nicht zerlumpt, und doch trugen ihre Gesichter sichtbare Spuren von Entbehrungen.

Joseph Davis hielt einige Hundert Meter stromaufwärts an dem Bach, der sich am Rand des Viertels entlangschlängelte. Auf der gegenüberliegenden Seite erstreckte sich ein bewaldeter Hügel, wo unter üppigen Baumkronen braune Banteng-Rinder friedlich grasten. Die Kontraste zwischen der Armut in den Straßen und der scheinbaren Idylle auf der anderen Seite des Flusses waren ein surreales Bild, fand Carter.

Während sie das Geschehen in der Gasse überblickten, erzählte Joseph Davis von den Herausforderungen ihres Alltags als Polizisten.

»Janaka ist eine Drecksau«, sagte er. »Gewöhn dich dran. Er gibt die Befehle, und egal, was er von dir verlangt, du solltest es ausführen, sonst landest du schneller auf der Straße, als du hier Crack kaufen kannst.«

»Habt ihr schon mal überlegt, Rick die Fresse zu polieren?«, fragte Carter.

Davis blickte finster zu ihm.

»Schon gut, aber der Kerl ist ein Arschloch. Wenn der mir einmal dumm kommt, mache ich aus ihm Kaffeepulver.«

»Ich stehe total auf Kaffee«, sagte Joseph Davis. »Aber Rick wird das nicht gerne hören.«

»Ist mir egal. Was hat es mit diesen ganzen Plakaten auf sich? Die Leute hier scheinen ja keine großen Freunde der Allianz zu sein.«

»Für sie ist sie ein gieriger und korrupter Verein«, erklärte Davis.

»Und als Polizei sind wir ein Teil davon«, bemerkte Carter.

»Deswegen sollten wir uns mit unserer Uniform nicht in jedem Viertel blicken lassen. Ach ja, was den technischen Teil unserer Arbeit anbelangt: Die Drohnen erledigen den Großteil davon. Wir sind fürs Grobe zuständig, die Drecksarbeit, verstehst du?«

Joseph Davis unterbrach seine Erzählung plötzlich, als eine Bewohnerin des Viertels in einem knappen Röckchen die Straße kreuzte. Davis pfiff ihr hinterher, und Carters Miene verfinsterte sich, als er die Blicke seines Kollegen bemerkte. In diesem Moment wurde Carter klar, dass ihre Vorstellungen von Pflichterfüllung und Ethik möglicherweise stark voneinander abwichen.

Einige Minuten später setzten Carter und Davis ihre Patrouille fort und glitten mit ihren Hoverbikes eine Anhöhe hinauf und flogen durch das Gewirr der engen Slumstraßen.

»Was ist mit dir, Reed?«, fragte Davis auf einmal. »Du hast Mist gebaut und sitzt jetzt hier fest? Oder was führt dich her? Eine Frau? Uneheliche Kinder?«

»Nichts, was ihr nicht schon wüsstet«, sagte Carter knapp. »Nur eine aus dem Ruder gelaufene Mission. Keine Frau, keine Kinder.«

»Komm schon, mir kannst du es doch sagen«, drängte Davis.

»Geht dich nichts an«, erwiderte Carter schroff.

Aber Davis blieb hartnäckig: »Du trägst mehr mit dir herum, als du zugeben willst, Reed. Ich sehe alles und ich habe ein Auge auf dich!«

Der Mann klappte das Visier seines Motorradhelms hoch und lupfte seine Augenklappe, sodass Carter in seine leere Augenhöhle blicken konnte.

»Ich will zurück zur Allianz, wenn du schon so fragst«, rückte Carter nun raus. »Vor zwölf Jahren habe ich meinen Bruder verloren. Die Rebellen haben ihn getötet.«

Davis stoppte sein Bike und sah Carter überraschend betroffen an. »Das tut mir leid, Mann.«

»Du wolltest es unbedingt wissen.«

»Das heißt, dein Verhältnis zu den Rebellen ist nicht das beste.«

»Willst du mich verarschen? Der Tod meines Bruders ist der Grund, warum ich damals in die Allianz eingetreten bin.«

Bevor in Carter ein Schatten der Trauer und des Schmerzes aufsteigen konnte, erscholl hinter ihm plötzlich ein infernaler Lärm. Und in der nächsten Sekunde jagte ein Hoverbike an Carter und Davis vorüber, gefolgt von einer Handvoll Polizeidrohnen.

Mit lautem Sirenengeheul surrten sie durch die Luft und verfolgten das schwebende Gefährt, wie winzige Jäger, die ihre Beute vor sich hertrieben. Carter stellte überrascht fest, dass es das gleiche Hoverbike war, das er zuvor vor dem Antikladen gesehen hatte, denn er erkannte den orangefarbenen Totenkopf, der markant auf dem Fahrzeug prangte.

Sofort setzten Carter und Davis ihre eigenen Hoverbikes in Bewegung und die Fußgänger sprangen panisch zur Seite. Auf der Innenseite von Carters Schutzvisier erschien ein grüner holografischer Hinweis.

»Was?«, gellte Davis, bei dem der Hinweis ebenfalls erschienen war. »Gleich ein Haftbefehl? Verdacht auf Schmuggel. Identität unbekannt. Sieht aus, als hätten wir hier einen schweren Jungen! Gib Gas, Reed. Der darf uns nicht entwischen!«

Carter beschleunigte sein Hoverbike und holte zu Joseph Davis auf. Gemeinsam jagten sie hinter dem Verdächtigen her, der die beiden wissen ließ, wer hier der bessere Fahrer war. Die engen Straßen und Gassen dieses Armenviertels waren das reinste Labyrinth, ein dichtes Geflecht von schattigen Durchgängen, überdachten Wegen und hoch aufragenden Gebäuden, deren Spitzen sich im Dunst verloren. Die Straßen waren gleichzeitig Fußwege und sie erstreckten sich über mehrere Ebenen, als hätten die Bewohner ihr Viertel in die Vertikale gezogen, um Raum zu schaffen.

Das fliehende Hoverbike schlängelte sich geschickt durch die Gassen. Die Drohnen waren ihm dicht auf den Fersen, während Carter und Davis ihre Schwierigkeiten hatten, zwischen den Passanten hindurchzufliegen. Über Carters Kopf sausten überdachte Passagen hinweg, die wie schützende Tunnel wirkten, während er durch enge Kurven und über belebte Plätze raste.

Carter sah die Welt vorbeifliegen, ein hektisches Durcheinander aus Licht, Schatten und ausweichenden Quartiersbewohnern. Sein Blick folgte dem Fliehenden, der mit beeindruckender Präzision und erbarmungsloser Geschwindigkeit sein Hoverbike um die Kurven führte. Davis fiel zurück, doch Carter hatte nicht das geringste Interesse, das Bike entkommen zulassen. Er war schon mit ganz anderen Schurken fertig geworden. Hinter der nächsten Kurve war sein Kollege nicht mehr zu sehen.

Dann muss ich es eben allein regeln!, dachte Carter.

Er beschleunigte und schaffte es trotz der undurchsichtigen Wege, bis dicht an das Hoverbike heranzukommen. Plötzlich bemerkte er die zierliche Körperform des Fahrers.

Eine Frau!

Diese überraschende Erkenntnis veränderte nichts an der Entschlossenheit, sie zu fassen. Die schmalen und belebten Gassen forderten ihren Tribut, das fliehende Bike verlangsamte endlich seinen Flug. Carter behielt sein Tempo bei, ignorierte die schimpfenden Bewohner und rammte das Heck des flüchtenden Gleiters. Die Fahrerin verlor die Kontrolle, kam vom Weg ab und stürzte in einen Gemüsestand. Carter wich in letzter Sekunde aus. Als er mit seinem Hoverbike zum Stehen kam, hatte sich die Fahrerin freigekämpft und streckte ihm eine Pistole entgegen.

Die Passanten hatten sich längst an den Rand des kleinen Platzes, auf dem Carter die Verbrecherin gestoppt hatte, zurückgezogen. Carter sprang vom Hoverbike, hob beschwichtigend seine Hände. Einen Moment lang herrschte eine gespenstische Stille, nur unterbrochen von einem großen Passagierflugzeug hoch oben am hellblauen Himmel und vom Summen der Drohnen, welche die Frau umkreisten. Die Verbrecherin behielt ihren Helm auf, und Carter konnte ihre Augen hinter dem Visier nur erahnen. Er fühlte sich wie in einem Westernduell.

»Du bist also der neue Sheriff im Viertel«, erklang ihre forsche Stimme unter dem Helm.

»Sieht so aus«, keuchte Carter.

»Ich hätte mir gewünscht, du würdest länger brauchen, um mich zu kriegen.«

Carter erwiderte in gemessenem Tonfall: »In Tenggara Haven gibt es keine Vergebung für Diebe, auch nicht für solche mit beeindruckenden Fluchtmanövern. Wer bist du?«

Die Antwort der Frau blieb aus, stattdessen fiel Carters Blick auf einen stählernen Koffer, der am umgestürzten Hoverbike lag. Ein Déjà-vu durchzuckte ihn, jedoch kein freudenvolles. Dieser zerbeulte Stahlkoffer mit dem abgenutzten Logo der Allianz sah exakt nach dem verschwundenen Behältnis von der gescheiterten Mission in New Caledon aus. Ein unheilvoller Gedanke machte sich in Carters Kopf breit.

Plötzlich löste sich ein Schuss aus der Pistole der Frau. Die Kugel prallte jedoch gegen Carters schusssichere Weste. Dennoch schmerzte die Wucht des Einschlags wie ein gut platzierter Kinnhaken.

Unvermittelt warf er sich hinter sein Bike, zückte seine eigene Waffe. Doch mit beeindruckender Schnelligkeit und mit gezielten Schüssen schaltete die Diebin eine Drohne nach der anderen aus. Die kleinen Helfer kamen nicht dazu, ihre Elektroschocks auszuteilen. Blitzend und rauchend krachten sie vor Carters Hoverbike auf die Steine.

Ohne zu zögern, gab die Diebin noch ein paar Schüsse in Carters Richtung ab, setzte sich auf ihr Fluggerät, lud den Stahlkoffer auf und flüchtete in eine der unzähligen Gassen. Carter war wie erstarrt. Die gezückte Pistole in seiner Hand war zum Schießen bereit, doch etwas hatte ihn zurückgehalten.

Er war sich sicher, dass es sich bei dem Koffer um den verschollenen aus New Caledon handelte. Was hatte er plötzlich hier am anderen Ende der Welt zu suchen? Carter verließ den Schutz hinter seinem Bike, richtete seinen Helm und blickte in die verängstigten und verärgerten Gesichter der Leute um ihn herum. In ihm erwuchs der brennende Wunsch, diesen Koffer in seine Hände zu bekommen. Dieser könnte seine Fahrkarte zurück zur Allianz sein.

Und zur Allianz musste er, wenn er weiterhin den Tod seines Bruders rächen wollte. Als Dorfpolizist hier unten in Tenggara Haven war das ein Ding der Unmöglichkeit. Wie zum Beweis hörte er ein nahendes Hoverbike und im nächsten Moment erschien Joseph Davis, der Carter so atemlos wie machtlos anblickte.

»Sie ist weg«, sagte Carter.

Der dunkelhäutige Polizist stieg von seinem Hoverbike, blickte zornig in umstehenden Menschen. Dann nahm er sich einen der umgestürzten Gemüsekartons – die letzten Fenchelknollen purzelten heraus – hob ihn weit über seinen bulligen Kopf und warf ihn hasserfüllt in das Durcheinander. Der Verkäufer wagte nicht, seinen Unmut gegenüber der ungezügelten Wut des Polizisten kundzutun.

»So eine verdammte Scheiße!«, brüllte Davis.

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