Ebene 24

Am späten Nachmittag lagen einzelne Straßenzüge Tenggara Havens bereits in einem kühlen Schatten. Sie wandelten sich zu einem Labyrinth aus blinkenden Neonlichtern und surrenden Hoverfahrzeugen. Carter durchquerte die belebte Badung Road, während er sich durch die Menge von Fußgängern und fliegenden Fahrzeugen zwängte. Immer wieder kam er an Stellen vorbei, an denen noch immer die drückend heiße Mittagsluft stand, was die Schweißproduktion unter seinem ohnehin schon klammen Shirt von Neuem anregte.

Die schwebenden und rollenden Fahrzeuge bewegten sich lebhaft und hupend über den notdürftig geflickten Asphalt, dabei blitzten ihre Lichter in den Glasfassaden der umliegenden Gebäude auf. Carter sah, wie die Taxen, Busse, Tatas und Rikschas vorbeirauschten, begleitet von dem leisen Summen von Elektroantrieben oder dem altertümlichen Brummen von Verbrennungsmotoren. Fußgänger huschten zwischen den Fahrzeugen hindurch, immer auf der Suche nach der nächsten Querstraße oder dem nächsten Geschäft.

In der Ferne konnte Carter das rhythmische Dröhnen einiger Straßenmusikanten hören, ein paar Händler boten Handys, Ziegen und Haushaltsroboter feil, während sie lauthals ihre Angebote anpriesen.

Als Carter schließlich sein Wohngebäude in der Bangla Road erreichte, überquerte er die Straße und musste einem Laster ausweichen, den er nicht kommen sah. Der Fahrer hupte und als Carter den gegenüberliegenden Bürgersteig erreichte, sah er nur noch eine wütende Faust, die sich aus der Fahrerkabine in den Himmel reckte. Auf der Ladefläche des kleinen Trucks schaukelten dutzende Käfige mit aufgebrachten Hühnern.

Verdutzt über dieses rücksichtslose Verhalten blieb Carter noch einen Augenblick stehen und sah dem Fahrzeug hinterher, bis es von dem Durcheinander aus Menschen, Vehikeln und Verkaufsständen verschluckt wurde. Dann trat er ins Haus, durchschritt die klimatisierte, nach Zigaretten und Patschuli stinkende Eingangshalle, stieg in den Aufzug und drückte ›Ebene 24‹ auf dem zerkratzten Monitor.

Während der Lift ihn mehr durchschüttelte, als ihn nach oben zu befördern, ließ Carter seinen Gedanken freien Lauf. Er dachte über seinen ersten Arbeitstag nach, den ersten richtigen Tag in einem neuen Leben, das er jetzt schon hasste. Doch er dachte nicht nur an seine Kollegen, sondern auch an die Verfolgungsjagd und an den mysteriösen Koffer.

Ein Gefühl der Niederlage breitete sich in seiner Körpermitte aus. Für gewöhnlich glaubte Carter nicht an das Schicksal, doch wenn dies tatsächlich der Koffer gewesen sein sollte, der ihm in New Caledon vor seiner Nase weggeschnappt worden war, dann hatte er heute seine zweite Chance verpasst. Und das führte ihn zu einem Gedanken, der seine Laune schlagartig noch ein Stück weiter sinken ließ. Dieser Koffer wäre vermutlich seine Eintrittskarte zurück in die Allianz gewesen. Doch stattdessen stand Carter wieder mit leeren Händen da.

Die Aufzugtüren öffneten sich und er schleppte sich ermattet über den trostlosen Korridor, vorbei an abgenutzten und beschmierten Wohnungstüren, hinter denen er entweder nichts oder das hysterische Schreien von Kindern oder Cholerikern hörte. Sein Apartment lag am Ende des Gangs auf der linken Seite. Die Tür gegenüber stand einen Spalt weit offen und in ihm entdeckte Carter das freundliche Gesicht der alten Miss Indrawati.

Bei seinem Einzug hatte sie sich sehr erfreut darüber gezeigt, dass nun ein Polizist auf Ebene 24 wohnte. Carter grüßte verhalten und öffnete die Tür zu seiner Wohnung. Als er eintrat, schlug Carter ein Gefühl der Leere wie eine kräftige Faust mitten in seinen Magen.

Sein Apartment war klein und spärlich eingerichtet, ein trauriges Spiegelbild seines gescheiterten Versuchs, wieder Fuß zu fassen. Doch was hätte er aus seinem ebenso kargen Zimmer oben im ›Defense Hub‹ mitnehmen sollen? Ein einfaches wie abgesessenes Sofa stand vor der großen Fensterfront, die ihm einen beeindruckenden Blick über die Dächer Tenggara Havens gab. Immerhin! An der Wand hing ein verstaubter Fernseher ein paar verblasste Poster von irgendwelchen Stränden.

Carter ließ sich auf das Sofa fallen und starrte hinaus, wo sich der Himmel am Horizont bereits orange färbte. Die Leere in ihm drückte unablässig auf seinen Magen, während er über das Geschehene nachdachte. Er hatte gehofft, dass der Umzug in diese Wohnung ein Neuanfang für ihn sein würde, doch stattdessen fühlte es sich wie ein weiteres Abrutschen an. War Carter einst ein angesehener Soldat der Allianz gewesen, so war er jetzt nicht mehr als einer dieser alleinstehenden, anonymen Großstadtbewohner, die in einer heruntergekommenen Wohnung hausten und von einem besseren Leben träumten.

Nach einigen Minuten raffte Carter sich auf, zog sich das nasse Shirt aus und ging geradewegs in das mikroskopisch kleine Badezimmer. Er schloss die Tür und im Spiegel an ihrer Rückseite begutachtete er die Wunden an seinem Körper. An seiner linken Brust hatte sich ein neuer Bluterguss gebildet.

Besser als ein Loch, dachte Carter. Dieses kleine Miststück hätte mich beinahe umgelegt.

Er selbst hatte nicht allzu viel darauf gegeben, doch die schusssichere Weste hatte ihren Dienst getan. Nur ihr verdankte Carter es, dass er noch lebte. Andernfalls hätte die Diebin, die er und Joseph heute verfolgt hatten, ihn wohl direkt ins Jenseits befördert.

Die anderen Wunden an seinem Körper waren wie ein Erinnerungsalbum. Obwohl er mit seinen 42 Jahren nicht mehr der Jüngste war, war Carters Körperbau noch immer athletisch, das Ergebnis jahrelanger, harter Arbeit und Disziplin. Doch im Gegensatz zu all den jungen Kerlen, die bei der Earth Alliance antraten, um ruhmreiche Helden zu werden, wusste Carter längst, dass er nicht unverwundbar war.

Narben und Schrammen zierten seine Haut. Er konnte sich an die Schmerzen jeder einzelnen Narbe deutlich erinnern. Jeder Schnitt, jeder Bluterguss hatte eine Geschichte, und Carter hatte gelernt, damit umzugehen, sich nicht von Schmerz und Emotionen beherrschen zu lassen. Doch manchmal, wie jetzt, konnte er die Gefühle nicht einfach beiseiteschieben, konnte nicht einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen. Sein Blick fiel auf eine gerade verheilte Narbe an seinem Bauch. Sie war nicht die einzige Erinnerung an New Caledon, an eines der düstersten Kapitel seines Lebens.

Carter presste seine Lippen zusammen und er spürte, wie die Gefühle ihn übermannten. Er wandte sich ab, zog sich aus und stellte sich unter die Dusche. Während das lauwarme Wasser seinen Körper herabrann, dachte er erneut an den Koffer und an die Diebin, die ihn mit sich geführt hatte. Es schien so unwirklich, dass dieses Behältnis ausgerechnet hier, am anderen Ende der Welt, aufgetaucht war. Was hatte das zu bedeuten?

Zweifel nagten an ihm, Unsicherheit und Angst mischten sich in Carters Gedanken. War es vielleicht nur eine Verwechslung? Während er sich den Schaum aus seinen kurzen Haaren wusch, fiel sein Blick auf die kahlen Fliesen der Duschkabine. Die Wassertropfen perlten groß von ihnen ab, glitzerten im Licht der Neonröhre über ihm. Trotz seiner körperlichen Stärke fühlte sich Carter seit seinem Umzug klein und hilflos, wie ein Schiff im Sturm, das nicht wusste, wohin es treiben würde.

Nach der Dusche zog sich Carter lediglich eine Unterhose und eine abgenutzte blaue Jeans an, ging zur schmalen Küchenzeile, wo eine Flasche Arrak auf ihn wartete. Er öffnete den Verschluss und setzte die Flasche an seine Lippen. Ein großer Schluck von dem destillierten Palmwein ließ ein brennendes Gefühl durch seinen Rachen ziehen, aber es war ein Schmerz, den er willkommen hieß, denn er gab ihm das Gefühl, dass er die Risse in seiner Seele versorgte.

Während er den Arrak trank, plagten Carter weitere Zweifel. Zweifel an seinen Entscheidungen, Zweifel an seinem Schicksal. Die Vorstellung, dass er seine Position in der Allianz zurückgewinnen könnte, wenn er nur den mysteriösen Koffer und seinen Inhalt zurückbringen würde, erschien ihm wie eine ferne Illusion. Die Aussichten waren düster, die Chancen gering. Wo in dieser ausdehnten Stadt sollte er nach einer Diebin mit einer gefälschten Identität, einem gefälschten Nummernschild suchen? Es war, als versuchte er, die berühmte Nadel im Heuhaufen zu finden.

Tenggara Haven war keine einfache Stadt. Verbrechen und Gewalt waren hier an der Tagesordnung, die Rebellen übten aus dem Schatten ihre Macht aus. Als Polizist war Carter nur ein kleines Rad im großen Getriebe des Sicherheitsapparats, ein Tropfen auf den heißen Stein.

Dennoch sagte sich Carter, dass er weiterkämpfen musste. Er durfte nicht aufgeben, nicht jetzt, nicht so leicht. Denn egal, wie aussichtslos die Lage auch schien, er war, und würde immer ein Kämpfer bleiben. Er nahm noch einen Schluck vom Arrak und der Geist, der allmählich seinen Verstand warm einzuhüllen begann, trieb ihn dazu, der Angelegenheit mit dem mysteriösen Koffer auf den Grund gehen zu wollen.

Es war, als würde das Zeug in der Flasche ihn dazu drängen, die Wahrheit hinter diesem Geheimnis zu lüften. Doch Carter wusste, dass er dabei allein vorgehen musste. Seine Kollegen, sofern er sie überhaupt so nennen konnte, würden ihn ohne mit der Wimper zu zucken ans Messer liefern und verraten, sobald sie auch nur den Hauch eines Verdachts schöpften, dass er sich über die Regeln hinwegsetzte.

Carter war sich bewusst, dass er taktisch agieren musste, um die Diebin aufzuspüren, und wenn er bei der Allianz eine Sache gelernt hatte, dann, dass Taktik und Struktur alles waren. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwarten würde, aber er war bereit, das Risiko einzugehen. Die Vorstellung, dass der verschollene Koffer aus New Caledon hier in Tenggara Haven war, erschien ihm zwar absurd, aber Carter konnte nicht anders, als seinem Ruf zu folgen.

Als er den Blick aus dem Fenster über die hereinbrechende Dämmerung und die funkelnden Lichter von Tenggara Haven schweifen ließ, spürte er einen Hauch von Hoffnung in sich. Er wusste, der Weg vor ihm war steinig und gefährlich, aber er war bereit, jede Herausforderung anzunehmen. Es war an der Zeit, dass Carter wieder zu dem Mann wurde, der er einmal gewesen war, ein Kämpfer, ein Held, ein Retter in der Not. Und nichts und niemand würde ihn davon abhalten.

Die Fracht

Tian Fen trug die Besorgungen des Tages die Treppe hinauf, und machte ein unangenehmes Ziehen in seiner Schulter aus. Die Erkenntnis, dass er möglicherweise doch langsam alt wurde, ließ seine Schultern verkrampfen, bis er es bemerkte und sich wieder aufrichtete. Fen erreichte sein Stockwerk, trat auf den dunklen Dielenfußboden des Korridors und wankte mit beiden Einkauftaschen in seinen Händen durch das schummerige Licht. Die schmalen Fenster an den Enden des Gangs trugen nie genug Licht herein, doch jetzt am Abend wirkten sie vielmehr wie tote Augen, aus denen die Dunkelheit ihn anstarrte.

Vor seiner Wohnungstür wollte Fen bereits mit seinem Auge an den Retina-Scanner heranrücken, als er plötzlich innehielt.

Er fragte in die Stille: »Was gibt es?«

Bis auf das ferne Wummern einer Klimaanlage hörte er nichts, doch dann knarrte der Holzfußboden hinter ihm.

»So viel Fertigfraß?«, erklang eine jugendliche Frauenstimme.

Fen drehte sich nicht um. »Glaubst du, ich mache mir den Aufwand und koche für mich allein?«

»Du könntest mich einladen?«

Fen stellte die Taschen ab und drehte sich um. Vor ihm im Schatten des gegenüberliegenden Winkels stand sie. Er hatte lange auf diesen Augenblick gewartet, aber nicht damit gerechnet, dass er heute, jetzt, eintreten würde. Die Kurierin hatte ihr Wort gehalten.

»Hast du ihn?«, fragte er.

Die Kurierin trat hervor, ihr Gesicht tief in eine dunkle Kapuze vergraben, sodass Fen nur ihren Mund erkennen konnte.

»Nicht so schnell«, sagte sie unumwunden. »Zuerst gibt es noch ein paar Dinge zu klären.«

Fen wusste, dass er um solche Querelen nicht herumkam, wenn er mit Leuten dieses Schlags verkehrte. Dennoch hasste er es, denn im Grunde brachten solche Diskussionen niemandem etwas. Man vergeudete nur seine Zeit.

Fen seufzte: »Was wäre das? Geld?«

»Was sonst?«, antwortete die Kurierin schlagfertig.

»Hör zu, Kleine. Wenn du ernsthaft verhandeln möchtest, nimm die Kapuze ab. Außerdem, so wie du rumläufst, könnten mich meine Nachbarn für einen Kriminellen halten.«

»Warum sollten sie es nicht, Fen? Das, was du von mir verlangt hast, war definitiv keine Kleinigkeit. Und ganz unter uns, du bist alles andere als ein braver Frühpensionär.«

»Fein, dann wäre das ja geklärt.«

»Ist es nicht«, erwiderte die Kurierin.

»Himmel!«, zischte Fen. »Das hier läuft, wie bei jedem anderen Job auch. Zuerst die Ware, dann das Geld.«

Diese Person ging ihm langsam aber sicher auf die Nerven. Immer dieses Verhandeln. Er war doch nicht auf dem Markt!

»Wie du willst«, sagte sie. »Und, um auf deine Frage zu antworten: Ja, ich habe ihn.«

In Fens geschäftlicher Beziehung zu der Kurierin schwang stets ein gewisses Misstrauen mit. Fen nutzte ihre Dienste, wenn nötig, versuchte aber immer, Distanz zu wahren. Ihre Direktheit und Dreistigkeit stellten seine Geduld allerdings auf eine harte Probe.

Sie bückte sich und hob einen Gegenstand auf. Als sie ihn in das schwache Licht des Korridors hielt, erfasste Fen ein erhabenes Gefühl. Das war er also. Wenn man diesen abgenutzten Stahlkoffer so anblickte, vermutete man kaum, dass sich darin eine außerordentliche Kostbarkeit verbarg. Ja, vielleicht sogar das kostbarste Objekt auf dem ganzen Planeten!

»Nenn‘ mir eine Zahl«, sagte die Kurierin.

Fen seufzte leise, und doch konnte er nicht leugnen, dass er ihren Mut bewunderte.

»20.000 Credits, wie vereinbart«, antwortete er schließlich.

Sie verzog ihren Mund.

»Nicht genug«, sagte sie und legte den Kopf schief. »Die Bullen hätten mich beinahe erwischt. Das verdient einen Bonus, findest du nicht?«

Sie war hartnäckig, das musste Fen ihr lassen.

»25.000«, schlug sie vor.

Fen kniff die Augen zusammen. Er hatte keine Lust zu verhandeln, aber ohne sie hätte er nicht, wonach er gesucht hatte.

»In Ordnung«, gab er zähneknirschend nach. »Ich sende dir deine Credits morgen im Laufe des Tages.«

Die Kurierin lächelte schelmisch und händigte Fen den Koffer aus. Dann trat sie wieder in den Schatten.

»Sieh zu, dass du hier verschwindest«, knurrte Fen. »Und zwar, bevor dich hier jemand sieht.«

Er drehte sich um, hielt seine Augen vor den Retina-Scanner, woraufhin seine Wohnungstür auffuhr und Medusa ihn empfing. Miauend lief sie vor ihm auf und ab. Ohne ein Wort der Verabschiedung nahm Fen beide Einkaufstaschen in seine freie Hand und ging mit ihnen und dem Koffer in sein Apartment. Kurz bevor er die Tür schloss, warf er der Kurierin einen letzten Blick zu. Noch immer stand sie im Schatten und sah in seine Richtung. Er wusste, dass er vor einem so kleinen Licht wie ihr nichts zu befürchten hatte, dennoch war sie ihm nicht ganz geheuer.

Die Wohnungstür fuhr ins Schloss und Fen stellte die Taschen ab. Er nahm den Koffer von der Größe eines Schuhkartons in beide Hände und betrachtete das abgerubbelte Logo der Earth Alliance. Es war gut, dass man dieses Behältnis nicht für einen offiziellen Transportgegenstand der Allianz halten konnte. Freudige Erregung stieg in ihm auf und Fen beschloss, sofort einen Blick ins Innere zu riskieren.

Nach all den Jahren hatte er endlich, was er wollte. Und dieses Objekt würde so vieles verändern. Die Dinge nahmen ihren Lauf und Fen war die treibende Kraft dahinter. Zumindest hier in Tenggara. Er holte tief Luft. Es war an der Zeit, Geschichte zu schreiben.

Die Diebin

Carter saß in seinem Versteck. Das Armenviertel Sinoya Cove war nicht der beste Ort, um lange an einer Stelle zu stehen und ein Objekt zu observieren. Zumindest nicht, wenn man eine der grellweißen Polizeiuniformen trug. Es war der 4. Juli, Carters vierter Arbeitstag in seinem neuen Job, und gleichzeitig einer, der verhängnisvoll enden konnte. Denn Carter durfte eigentlich nicht hier sein.

Schon eine ganze Weile stand er zwischen zwei rostigen Überseecontainern, die offenbar Jahrzehnte nicht mehr auf dem Meer gewesen waren. Hinter ihm fiel der Hang zu dem kleinen Bach ab, welcher das Viertel von dem bewaldeten Hügel trennte, an dessen Hang die Rinder lebten.

Carter beobachtete die Straße und die Menschen, die vorübergingen, er scannte jeden von ihnen, nur um sicherzugehen, dass sie nicht unter ihnen war. Doch was wusste er schon? Die Diebin war maskiert gewesen und Carter hatte nur noch ihre helle Stimme im Ohr.

Die Hitze des immerwährenden Sommers drückte auf ihn und langsam begannen Zweifel an ihm zu nagen. Hatte er sich vielleicht geirrt? Noch war er sicher, sich auf seine Intuition verlassen zu können, doch allmählich redete ihm sein Kopf ein, dass es besser wäre, wieder zur Arbeit überzugehen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag der Antiquitätenladen mit dem klangvollen Namen ›Sinoya Trade Point‹. Carter ging davon aus, dass die Diebin, deren Hoverbike er an seinem ersten Tag hier gesehen hatte, diesen Ort wieder aufsuchen würde. Alle Kriminellen pflegten ihr Netzwerk. Aber die Ungewissheit, wann sie wieder auftauchen würde, zerrte an seinen Nerven.

Es war schwierig gewesen, Joseph Davis davon zu überzeugen, dass Carter diese Patrouille allein durchführen konnte. Captain Janaka, dieses Arschloch, bestand darauf, dass Davis ihn diese und noch die ganze nächste Woche herumführte. Man musste schon ein Idiot sein, um nicht zu bemerken, dass Janaka ihm nicht traute. Doch Davis war ein Mann, den die einfachen Dinge des Lebens beglückten. Zum Beispiel die routinemäßige Kontrolle eines Freudenhauses am anderen Ende von Sinoya Cove. Der Polizist hatte sogar dankbar gewirkt, dass er zwei Stunden allein sein durfte.

Ein eingehender Funkspruch unterbrach Carter in seiner Beobachtung. Er blickte auf sein Intercom am Handgelenk und seufzte.

»Hallo, Rick. Was gibt‘s?«

»Was es gibt? Reed, verdammt noch mal, bewegst du dich überhaupt noch von der Stelle? Du könntest genauso gut ein verdammtes Straßenschild sein!«

»Stalkst du meine Position? Ich bin hier, um meinen Job zu erledigen.«

»Deinen Job erledigen? Wirklich? Du siehst eher aus wie ein fauler Haufen Scheiße! Wenn du nicht sogar etwas anderes ausheckst!«

Carter ließ seinen Blick von dem Antiquitätenladen ab und richtete ihn in den strahlend blauen Himmel, dabei versuchte er, so ruhig zu atmen, wie es ihm möglich war.

»Hör zu, Rick«, sagte Carter. »Ich habe meine Gründe, warum ich hier bin. Und ich lasse mir von dir nicht vorhalten, wie ich meine Arbeit zu erledigen habe.«

»Ach ja? Und was sind das für Gründe? Dass du dich wichtiger fühlst als der Rest von uns?«

»Du scheinst dich aber auch zu langweilen, wenn du nach meinem Befinden fragst.«

»Leck mich, Reed. Ich schick‘ ne Streife von 325 zu dir rüber, und ich hoffe für dich, dass du kein krummes Ding drehst.«

Der sommerliche Himmel konnte nicht verhindern, dass Carters Blutdruck in die Höhe schnellte.

Er fragte offensiv: »Sonst was?«

»Sonst bist du morgen schon nicht mehr Teil der Polizei von Tenggara«, sagte Rick düster. »Wär‘ doch schade. Ein Ex-Marine wird weiter nach unten durchgereicht. Andererseits kannst du dich in Sinoya Cove schon mal umsehen. Könnte deine neue Nachbarschaft sein.«

Plötzlich durchbrach das Dröhnen eines Hoverbikes die Stille, und Carter zuckte überrascht zusammen. Sein Herz begann schneller zu schlagen, als er in dem schmalen Streifen zwischen den Containern erkannte, dass es sich bei dem Bike um das der Diebin handelte. Es bog in den kleinen Hof vor dem Antiquitätenladen ein.

Abwesend sagte Carter: »Weißt du, Rick. Fick dich einfach ins Knie. Schick mir die Kavallerie oder wen auch immer. Mit denen werde ich schon fertig.«

»Du bist irre, Reed!«, plärrte Rick ins Mikrofon. »Du bist einfach ein…«

Genug war genug. Carter schaltete das Funkgerät aus, schließlich konnte er sich nicht den ganzen Tag mit solchen Kleinigkeiten herumärgern. Die Statur der Person, die vom Hoverbike abstieg und mit einem großen Rucksack auf dem Rücken in den Laden ging, passte zu der Frau, die auf Carter geschossen hatte.

Entschlossen zückte Carter seine Elektroschockpistole. Seine Hand war bereits schweißnass, als er den Griff packte und sein Versteck verließ. Er überquerte die Straße. Langsam schritt er über den kleinen Vorplatz des Ladens, seine Waffe fest umklammert, den Blick starr auf den Eingang gerichtet.

Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er durch Schlamm waten, als wäre die Zeit in diesem Moment erstarrt. Die Bewohner des Viertels starrten ihn an, während Carter sich durch die Schatten der umliegenden Gebäude der offenstehenden Eingangstür näherte. Er spürte förmlich die Furcht und das Misstrauen der Leute, die ihm auswichen, als wäre er eine Bedrohung. Sein Puls raste, sein Atem ging schnell und flach. Er durfte sich nicht verunsichern lassen. Er war ein gottverdammter Profi! Er würde nicht nachgeben, dieses Mal nicht!

Vorsichtig trat Carter auf die Schwelle unter dem Schild, auf dem handgemalt ›Sinoya Trade Point‹ stand, und begab sich hinein. Sofort umhüllte ihn der Geruch von altem Holz. Der Laden wirkte wie eine Ansammlung vergessener Träume und verstaubter Erinnerungen. Er erinnerte ihn an vergangene Zeiten, damals war er als junger Marine durch verlassene Lagerhallen patrouilliert. Eine unangenehme Dunkelheit legte sich wie ein Mantel um Carter, und er zwang sich, ruhig zu bleiben, während er nach seiner Zielperson Ausschau hielt.

Der verwinkelte Innenraum war düster und von Schatten durchzogen, und das bescheidene Licht, das durch die schmutzigen Fenster fiel, tauchte den Raum in ein gespenstisches Zwielicht. Carter schlich durch die engen Gänge, jeder Schritt begleitet von einem kaum hörbaren Knarren des Holzbodens unter seinen Stiefeln.

Auf den Regalen entlang der Wände standen alte Haushaltsroboter, ihre einst glänzenden Oberflächen und schillernden Produktversprechen von Jahren des Gebrauchs stumpf und abgenutzt. Daneben stapelten sich alte Handys, deren Bildschirme seltsam leblos wirkten, während altmodische Holo-Projektoren in den Ecken des Raumes vor sich hin gammelten.

Immer tiefer drang Carter in diese entrückte kleine Welt vor. Zwischen den elektronischen Geräten entdeckte er Haushaltswaren. Handtücher, Besteck und kleine Möbelstücke lagen wohl seit Jahren hier, überzogen mit dem staubigen Schleier der Zeit. Über krummen Stangen hingen zerschlissene Kleidungsstücke, ihre Farben verblasst und ihre Stoffe längst abgetragen. Carter dachte daran, wie jedes Objekt seine Geschichte zu erzählen hatte. Jedes Ding in diesem Raum war der Nachhall der Vergangenheit.

Am Ende des Ladens hörte Carter auf einmal die gedämpften Stimmen zweier Personen. Er näherte sich leise, sein Herz hämmerte bis unter seine Schädeldecke. Als er um die Ecke bog, sah er eine ältere Einheimische hinter der Verkaufstheke stehen, ihr Gesicht so alt wie die Dinge in den Regalen. Das wenige Sonnenlicht brach sich im Staub und Dunst über der Theke.

Die Verkäuferin schien in ein Gespräch mit einer Europäerin vertieft, etwa Mitte 30. Auf der Theke lag der Motorradhelm. Sie war es! Carters Gedanken wallten zu einer Sturmflut blinden Aktionismus auf, doch er zwang sich, weiterhin ruhig zu bleiben. Er machte einen kleinen Schritt vorwärts. Zu spät stellte er fest, dass er diesen nicht hätte tun sollen. Denn als er seinen schweren Stiefel auf den alten Boden setzte, entwich den hölzernen Dielen ein hörbares Ächzen.

Die Verkäuferin sah auf und entdeckte ihn sofort. Sie kannte ihren Laden bis in den entlegensten Winkel und wusste genau, von wo dieses Knarren gekommen war. Carters Herz machte einen Sprung. Nun musste es schnell gehen. Ohne zu zögern, trat er aus seinem Versteck, richtete die Elektroschockpistole auf die Diebin, die sich jetzt umdrehte. Erschrocken starrte sie auf den Lauf seiner Waffe, versuchte fortzurennen. Doch Carter war schneller. Das grelle Blitzen des Schusses leuchtete auf und traf die Diebin am Oberkörper. Zuckend fiel sie hinter sich auf die Theke. Sie wollte sich noch hinüber werfen, aber Carter war längst bei ihr, packte sie und starrte in ein zorniges Gesicht.

»Lieber will ich sterben!«, fauchte sie und spuckte Carter ins Gesicht.

»Es liegt in deiner Hand«, rief Carter. »Halt still!«

Die Verkäuferin stand mit erhobenen Händen daneben, jammerte in einer für Carter unverständlichen Sprache.

»Ist schon gut«, sagte er und glaubte, die Verkäuferin damit beruhigen zu können. »Ich will nur kurz mit ihr sprechen.«

Die wenig einladende Seitengasse hinter dem ›Sinoya Trade Point‹, wo eine durch Regen zerfaserte Mischung aus Papier, Stofffetzen und Plastikverpackungen wie eine Decke den schlammigen Boden bedeckte und wo die Sonnenstrahlen nur spärlich durchdrangen, war nicht der perfekte Ort für eine Anhörung. Doch Carter hatte keine andere Wahl, es musste schnell gehen, denn er wollte nicht noch mehr Misstrauen unter seinen Kollegen säen.

Er hatte gut geschätzt, die Frau in dem dunklen Kunstleder-Overall, die breitbeinig vor ihm auf einer umgekippten Tonne saß, war Mitte 30. Ihr ebenholzfarbenes Haar hatte sie zum Pferdeschwanz geflochten, ihr Pony hing chaotisch im Gesicht und verdeckte fast vollständig ihre kräftigen Augenbrauen. Die stechend blauen Augen und die irritierend helle Haut passten so gar nicht in diese Gegend, fand Carter. Genau wie er selbst.

»Du wirkst auf mich eher wie eine Touristin«, sagte Carter knurrend. »Wie lange bist du schon in der Stadt?«

»Länger als du.«

Die Augen der Sie funkelten herausfordernd, und sehr zu Carters Missfallen hielt sie seinem grimmigem Blick stand. Noch immer hatte der Ex-Martine seine Elektroschockwaffe auf sie gerichtet, seine Miene humorlos und sein Ton scharf. Er spielte seine Rolle als Captain, doch die Diebin durchschaute ihn sofort.

»Du bist keiner von diesen Dorftrotteln, oder? Was hast du ausgefressen, dass du hier arbeiten musst?«

»Das hat dich nicht zu interessieren«, erwiderte Carter harsch.

Sie ließ sich nicht einschüchtern. »Ist es wirklich nötig, dass du deine Wumme auf mich richtest? Oder ist das so ein Männerkomplex, womit ihr euch sicherer fühlt?«

»Halt die Klappe!«

Ein spöttisches Lächeln huschte über ihre Lippen. »Schon gut, ich wollte nur die Stimmung auflockern.«

Carter schnaubte. »Das hast du in dem Augenblick vergeigt, als du auf mich geschossen hast.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Du hast versucht, mich aufzuhalten.«

»Gib mir deinen Ausweis.«

»Hab keinen dabei.«

Carter ignorierte ihre unbekümmerte Bemerkung und zählte stumm bis drei. Dabei hob er eine Augenbraue und auch die Waffe. Sie deutete seine Geste richtig und hatte offenbar nicht das geringste Interesse, eine weitere Stromladung abzubekommen, denn sie langte in ihre Brusttasche und holte ein kleines Plastikkärtchen hervor. Carter nahm ihr den Ausweis ab und blickte flüchtig auf das Bild einer jungen Frau und ihren Namen.

»Olivia Grey«, las er. »Das sieht nicht nach einem gefälschten Pass aus.«

»Willst du mir nicht auch deinen Namen verraten, großer Krieger?«

»Ich stelle hier die Fragen«, verkündete Carter grob.

»Rede dir das ruhig ein!«

Ein sarkastisches Lachen entwich Olivia Greys Lippen, doch Carter war nicht hier, um Höflichkeiten auszutauschen.

»Was war das für ein Koffer, den du vor drei Tagen bei dir gehabt hast?«

»Nichts Besonderes, nur ein gewöhnlicher Job.«

»Bullshit!«, erwiderte Carter entschieden.

Olivia zuckte erneut mit den Schultern. »Dein Problem, wenn du mir nicht glaubst.«

»Hör zu, Olivia. Ich schlage dir einen Deal vor. Ich lasse dich laufen, wenn du mir Informationen über diesen ›gewöhnlichen‹ Job liefern kannst.«

»Oder?«

»Oder wir spielen das Spiel auf die harte Tour«, sagte Carter. »Ich kenne da ein paar Tricks von den Marines.«

Sie dachte nach. Carter wusste aus Erfahrung, dass die meisten Menschen kooperierten, wenn man die berüchtigten Foltermethoden der Allianz androhte.

Nach einer Weile sagte Olivia: »Ich habe den Koffer am Hafen von Tenggara angenommen und ihn zu einem weiteren Mittelsmann gebracht.«

»Kannst du mich zu ihm führen?«

Olivia schwieg beharrlich. Carter dachte nach. Wenn dies wirklich besagter Koffer war, dann bestand die Wahrscheinlichkeit, dass diese Diebin ihn im Auftrag der Rebellen überführt hatte. Er musste vorsichtig sein. Demonstrativ hielt Carter Olivias Ausweis in die Luft.

»Dir werden zwei Dutzend Verbrechen angehängt. Du weißt, was das heißt, oder? Ich bin zwar erst ein paar Tage hier, doch ich habe mir sagen lassen, die Gefängnisse Tenggaras sind nicht gerade die gemütlichsten.«

»Wie du willst!« Olivia verschränkte die Arme und sah ihn erzürnt an. »Ich arbeite weder für die Rebellion noch für die Allianz. Bei solchen Aufträgen geht es mir ausschließlich ums Geld. Diese Fracht, keine Ahnung, was in dem Ding drin war, sollte ich im Auftrag vom ›Penjaga Gerbang‹ durchführen.«

Carter wurde hellhörig.

»Wer ist dieser Penjaga?«, fragte er.

Doch bevor Olivia darauf etwas erwidern konnte, durchbrach das beharrliche Klingeln von Carters Intercom die Stille. Es war wieder Rick, und Carter ahnte schon, was dieser Drecksack von ihm wollte. Carter zögerte einen Moment, seine Augen jedoch beharrlich auf Olivia gerichtet, denn ihre Antwort war für ihn von entscheidender Bedeutung.

»›Penjaga Gerbang‹ ist kein Name«, erklärte sie geheimnisvoll. »Es ist die indonesische Bezeichnung für ›Wächter des Tors‹.«

Ein Runzeln legte sich auf Carters Stirn, während er versuchte, den tieferen Sinn hinter Olivias Aussage zu erfassen.

»Wo hast du den Koffer abgegeben?«, bohrte er hartnäckig nach, während sein Intercom unablässig piepte.

Olivia antwortete mit einem frechen Funkeln: »Ich könnte dich zu ihm führen…«

»Abgemacht!«

»Das war ein Scherz, Mann«, sagte Olivia sofort. »Niemand will zum ›Penjaga Gerbang‹. Viel zu gefährlich. Was wirst du mit mir anstellen?«

Carter wusste, dass er jetzt eine Entscheidung treffen musste. Er hatte wertvolle Informationen erhalten, doch um das Geheimnis des Koffers und dieses ›Penjaga Gerbang‹ zu lüften, musste er noch tiefer graben.

»Ich muss über dein Angebot nachdenken«, antwortete er bedächtig.

»Oh, nein, nein!«, wehrte die Diebin ab. »Das war kein Angebot. Hast du gehört? Ich habe gesagt, dass es ein Witz war!«

»Ich lasse dich vorerst laufen, solange ich noch keinen Entschluss gefasst habe«, erklärte Carter. »Aber ich werde mich versichern, dass ich dich wiederfinde.«

Aus einer der Gürteltaschen kramte er einen kleinen Ortungschip hervor und brachte ihn an Olivias Hoverbike an.

»Ich werde mir morgen ein neues Bike besorgen.«

»Rede dir das nur ein«, konterte Carter.

»Das kannst du nicht tun, du verdammter Hund!«

»Achte darauf, wie du mit einem Polizisten sprichst!«, mahnte Carter.

Er wusste, dass er sich mit dieser Aktion auf extrem dünnem Eis bewegte. Carter war drauf und dran, einen Pakt mit der Unterwelt Tenggaras zu schließen, und das konnte ihm das Genick brechen. Das Klingeln des Intercoms sägte an seinen Nerven, und er kam nicht drum herum, zu glauben, Rick habe offenbar Langeweile. Er verlangte nach Olivias Telefon. Sie gab sich kooperativ, denn sie schien zu begreifen, dass Carter vorerst am längeren Hebel saß. Der Ex-Marine speicherte sich ihre Nummer ein, gab ihr das Handy zurück und ließ sie laufen.

Olivia war noch nicht hinter der Ecke verschwunden, da wurde Carter von seinem Alltag eingeholt. Er atmete einmal tief durch und nahm den verfluchten Anruf entgegen.

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