Eine Frage der Ehre

Als Carter die Polizeiwache durch die schwere Eingangstür betrat, war ihm, als atmete er denselben Muff, der ihm in dem Antiquitätenladen in die Nase gestiegen war. Die Wände des Gebäudes waren mit Rissen, abgeblätterter Farbe und verblassten Fahndungsfotos übersät. Zum penetranten Geruch des feuchten Mauerwerks gesellte sich der von altem Papier. Ein lauwarmer Windstoß trug vom Gemeinschaftsraum den Hauch von verbrauchtem Kaffee, Nikotin und Desinfektionsmittel zu ihm.

In seinen Gedanken war Carter noch immer bei der Diebin Olivia. Das rätselhafte Geheimnis um den Koffer und diesen mysteriösen ›Penjaga Gerbang‹ beschäftigte ihn weiterhin. Doch Carter hatte einen Teilerfolg errungen, denn er hatte Olivias Kontaktdaten und er konnte ihre Position verfolgen.

Auf dem Korridor herrschte gähnende Leere und als Carter in die Umkleide kam, traf er auf Rick und Wu Cheng Shu. Die beiden Polizisten sahen sich verschwörerisch an und stellten ihn sofort zur Rede.

»Was zum Teufel hast du da draußen getrieben, Reed?«, brummte Rick. »Meine Observationssoftware hat mir gesteckt, dass du einen Chip an einem Hoverbike angebracht hast. Wer ist das, und warum hast du ihn nicht verhaftet?«

Carter knurrte: »Ich werde ein Protokoll schreiben. Und jetzt lass mich in Ruhe.«

Er wollte sich zu seinem Spind durchzwängen, doch Rick und Wu versperrten ihm den Weg.

»Es ergibt keinen Sinn, Verbrecher laufen zu lassen, wenn du hier arbeitest«, zischelte der hagere Asiate.

Carter zog eine Augenbraue hoch und erwiderte: »Ich erledige meine Arbeit nach meinen Regeln. Der Rest kann euch egal sein.«

Rick schnaubte verächtlich. »Deine Regeln, was? Pass‘ besser auf, dass dir deine kleinen Tricks nicht irgendwann auf die Füße fallen, Reed. Wir behalten dich im Auge. Und wenn ich auch nur den Hauch eines Verdachts habe, dass du mit irgendwelchen Gangstern herumtrickst, werde ich dich fertigmachen, Captain Niemand!«

»Lass mich durch!«, forderte Carter.

»Nicht so schnell!«, drohte Rick. »Du denkst wohl, du kannst einfach machen, was du willst, oder? Du bist nicht der Boss hier, Reed. Du bist nicht mal annähernd in der Position, solche Entscheidungen zu treffen.«

Carters Gesicht verriet nichts von der in ihm brodelnden Anspannung. »Noch einmal, weil ihr Vollpfosten es offenbar nicht versteht: Ich mache nur meinen Job! Und wenn das bedeutet, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss, dann werde ich das tun.«

»Dein Job? Dein verdammter Job ist es, den Gesetzen zu folgen und deine Kollegen zu respektieren.«

Carter sagte: »Das ist eine ganz schön heuchlerische Aussage für eine Ratte wie dich. Was hast du heute getan? Meine Ortungsanalyse sagt mir, dass du zwei Stunden zu Hause warst.«

Rick kam ihm bedrohlich nahe, und Carter spürte, wie sich sein Magen verkrampfte.

»Ganz recht, du kleiner Mistkäfer«, sagte Carter leise. »Glaub ja nicht, dass du mich verarschen kannst. Ich weiß genau, mit wem ich es zu tun habe, und ich habe in meiner Laufbahn schon etliche drittklassige Schaumschläger überlebt.«

Wu, der bisher schweigend zugehört hatte, trat näher und in seinem verbrauchten Gesicht erschien ein gefährliches Funkeln.

»Unterschätze uns ja nicht, du Narr«, warnte er.

Carter spürte, wie sein Puls anstieg, das Adrenalin schoss durch seine Adern wie brennendes Kerosin. Doch der Ex-Marine ließ sich nicht einschüchtern.

»Geht zur Seite, sonst kommt ihr morgen mit einer gebrochenen Nase zur Arbeit«, konterte er unbeeindruckt.

Plötzlich schnellte Wu nach vorn und mit kräftigem Griff presste er Carter gegen den Spind in seinem Rücken. Schneller als er seine Stirn auf Wus Nase hämmern konnte, hatte dieser seine heiß geliebte Elektroschockpistole unter Carters Kinn geschoben.

»Was hast du gesagt?«, keifte Wu.

»Dass du aus dem Weg gehen sollst, oder ich breche dir deine gottverdammte Nase, du Arschloch!«, sagte Carter.

Rick und Wu kicherten finster.

»Süß, wirklich süß«, sagte Wu. »Und bei wem willst du dich beschweren, hä? Bei Captain Janaka?«

Wie auf Kommando öffnete sich draußen auf dem Korridor eine Tür und der Captain kam in die Umkleide. Sein pechschwarzer Blick traf Carter, und dieser wusste, dass er in dieser Wache keine Verbündeten hatte. Wu ließ ihn los, trat einen Schritt zurück und steckte seine Waffe wieder in den Gürtelholster.

»Ich habe Reed nur deutlich gemacht, dass er besser auf uns hört, Captain«, sagte er demütig.

Janaka sagte nichts. Der Druck, den Rick und die anderen auf ihn ausübten, lag wie ein Bleiklumpen auf Carter. Er war sich bewusst, dass sein Schicksal auch in den Händen seiner Kollegen lag und dass er ihre Unterstützung brauchte, wenn er zurück zur Allianz wollte. Doch gleichzeitig lehnte er es ab, sich ihren selbstgerechten Forderungen zu beugen und seine Prinzipien zu verraten.

Die Sonne kroch langsam dem Horizont entgegen, und das glitzernde Wasser strahlte in goldenen Reflexionen. Carter lehnte gegen das Geländer der Brücke, die über den ruhig dahinfließenden Fluss führte, und sein Blick ruhte auf der malerischen Bucht von Tenggara Haven, die sich vor ihm ausbreitete. Dort trieben Hunderte Schiffe, kleine Motorboote und große Frachter, Taxiboote und die farbenfrohen Jukungs, die landestypischen Auslegerkanus, und in der Luft schwirrten zahllose Hoverfahrzeuge und Busse. Aber diese lebendige und zugleich friedliche Szenerie vermochte nicht, die unnachgiebig nagende Unruhe Carters zu entschärfen.

Seine Gedanken kreisten um sein Leben und die Entscheidungen, die er bisher getroffen hatte. Das Aufspüren der Diebin war nur der Anfang eines finsteren und gefährlichen Wegs gewesen, und er überlegte, ob er wirklich bereit dazu war, ihn zu beschreiten. Er konnte und wollte sich nicht länger vorstellen, jahrelang unter dem Kommando von Janaka und den anderen Idioten in der Polizeiwache zu arbeiten. Die Perspektive, in dieser deprimierenden Umgebung festzusitzen, während er Befehle von inkompetenten und möglicherweise korrupten Vorgesetzten entgegennahm, erfüllte ihn mit Beklemmung.

Carter rang sich ein Seufzen ab, während er sich vorstellte, wie sein Leben verkümmern würde, wenn er nicht bald etwas unternahm. Der Tod seines Bruders Corey, den er immer noch nicht hatte rächen können, schien weiter in die Ferne zu rücken, je tiefer er im Sumpf der Polizeiarbeit versank. Es war, als ob sich seine ganze Existenz auflöste, während er versuchte, sich über Wasser zu halten.

Er fragte sich zudem, ob er den Tod seines Bruders jemals vollständig rächen könnte. Wann würde Carter das Gefühl haben, die Rebellen hätten das bekommen, was sie verdienten? Gab es diesen Punkt überhaupt, oder war in Carter längst der Wunsch gewachsen, dass er jeden, der mit dieser Rebellion partizipierte, tot sehen wollte? Er wusste es nicht.

Den Blick von der Bucht abwendend, betrachtete Carter die Umgebung. Nur wenige Menschen waren hier, und die, die er sah, waren wir er. Verlorene des Lebens auf der Suche nach Sinn oder nach Raum zum Atmen. Die Brücke, auf der er stand, war von Rost überzogen. Der Fluss unter ihm plätscherte leise vor sich hin und der Geruch des nahen Meers hing in der Luft, die Farne großer Palmen und die Blätter einiger Mangroven rauschten im seichten Wind und winzige Tropenvögel schwirrten durch die Schatten der Sträucher. Es war ein vergessener Ort abseits der schillernden Fassaden und der geschäftigen Straßen der Stadt.

Carter fasste sich ein Herz. Er konnte nicht länger tatenlos zusehen, wie sein Leben an ihm vorbeizog. Wenn es stimmte, was Olivia angedeutet hatte, nämlich, dass der Koffer im Auftrag der Rebellen nach Tenggara gelangt war, dann gab es hier mit großer Wahrscheinlichkeit einige hohe Tiere der Rebellion. Vielleicht gelang es Carter, sie ausfindig zu machen. Die Allianz würde gut dafür zahlen, einige Drahtzieher des Aufstands in die Hände zu bekommen. Dort, wo der Koffer war, würde auch Carters Ticket zurück zur Earth Alliance sein.

Eine sanfte Brise, welche vom leisen Plätschern der Wellen begleitet wurde, strich über das Wasser. Vor den üppig begrünten Hügeln rechter Hand zeichneten sich die Umrisse der gläsernen Wohntürme ab, während ihre langsam länger werdenden Schatten sich allmählich über die Hafenpromenade legten.

Carter wusste, dass diese Ruhe trügerisch war. Tenggara Haven schien etliche nicht erzählte Geschichten in sich zu bergen, denn das Bild der Stadt verriet nichts über die im Verborgenen agierende Rebellion. Dieser Ort war voller Gegensätze, an dem Frieden und Unruhe, Schönheit und Geheimnis in einer fragilen Balance zu sein schienen. Hatte er die Erde möglicherweise doch mehr vermisst, als er geglaubt hatte?

Mit entschlossenem Griff in seine Tasche holte Carter sein Telefon hervor und begann, nach dem zuletzt eingespeicherten Kontakt zu suchen. Es war an der Zeit, dass er sich den Herausforderungen stellte und einen neuen Kurs für sein Leben setzte. Die Zeit des Zweifelns war vorbei. Egal, was die anderen behaupteten: Er war Captain Carter Reed, einer der besten Männer der Earth Alliance. Und wenn es sein musste, würde er seine Mission allein durchziehen. Als gottverdammte Ein-Mann-Armee.

Geheimer Pakt

Es war längst dunkel, als Carter die Kneipe ›Hadleys Despair‹ in der Nähe des Hafens erreichte. Er musste sich eingestehen, dass dieses Lokal nicht so aussah, wie er es sich vorgestellt hatte. Es war eindeutig der tropischen Lage der Stadt geschuldet, dass ›Hadleys Despair‹ ein fensterloser, aus Bambusgestänge und Blechplatten improvisierter Bau über mehrere Ebenen war. Auf dem Gehweg davor herrschte dichtes Gedränge, und Carter musste sich seinen Weg durch die Scharen junger Betrunkener bahnen.

Drinnen, sofern er es so bezeichnen konnte, war es nicht weniger lebhaft. Die Gäste unterhielten sich lautstark und enthemmt unter bunt blinkenden Lichtergirlanden, und irgendwo über dem Lärm schrillte ein grauenvoller Pop-Song in Landessprache. Carter hoffte nicht, dass Olivia ihm einen Streich spielen wollte und ihn absichtlich in dieses Loch geführt hatte. Und wenn doch, so war er wenigstens froh darüber, dass es kein Strip-Club war.

Carter durchschritt die Kneipe, stieg eine halbe Treppe hinauf und fand sich auf einer überdachten Terrasse wieder, wo er an einem winzigen Tisch am Rand Olivia entdeckte.

»Du hast schon ein Getränk«, fiel ihm auf.

Carter drehte um und bestellte am Tresen ein Bier. Der ausgelassene Barmann mit dem kriminell hässlichen Hawaiihemd erklärte ihm, dass er ein Bali Hai in seinem Glas habe.

»Ein Hai?«, fragte Carter verwirrt.

»Nein«, rief der Mann aus voller Kehle über den Tresen. »Das ist der Name. Bali Hai.«

Carter winkte ab. Dieser Kerl konnte ihm alles erzählen, Hauptsache, das Zeug kühlte seine Kehle. Er ging zurück zum Tisch und setzte sich. Dabei drang Zigarettenrauch von nebenan in seine Augen. Dort saßen einige Männer, die verdächtig nach Hafenarbeitern oder Fischern aussahen, und an der Art, wie sie miteinander sprachen, wettete Carter, dass sie heute Abend noch eine Rauferei anzetteln würden.

»Wo ist dein schicker Anzug, großer Krieger?«, spottete Olivia.

Carter sah an sich herunter. »Ich bin nicht im Dienst.«

»Du siehst aus, wie ein Heimwerker.«

»Und du?«, fragte Carter.

Im Gegensatz zu seinem Outfit, das aus verschlissenem Shirt und Jeans bestand, trug Olivia eine enge schwarze Hose und ein braunes Trägerhemd.

»Ich habe Feierabend«, antwortete sie schnell.

Carter musterte sie. Sie saß lässig auf ihrem Stuhl, ihre linke Hand am Bierglas, die rechte unter dem Tisch.

»Nimm die Waffe runter«, forderte Carter.

Olivia war alles andere als erfreut darüber, dass er ihre Vorsichtsmaßnahme so schnell bemerkt hatte. Ohne, dass Carter die Waffe zu Gesicht bekam, versteckte Olivia sie unter ihrem Hemd.

»Wolltest du mich erschießen? Vor allen Leuten?«, fragte Carter.

»Hör zu, du Mistkerl. Ich bin keine kleine Taschendiebin. Und wenn ich etwas hasse, dann in irgendeine Abhängigkeit zu geraten. Was willst du von mir?«

»Ich will zu deinem Mittelsmann. Ist er ein Rebell?«

»Hat dich nicht zu interessieren!«, gab Olivia emotionslos zurück und nahm einen Schluck aus ihrem Glas. »Bist du etwa auf der Seite der Allianz? Natürlich bist du es, du bist Bulle.«

»Hast du ein Problem damit?«

»Leute wie du sind dafür verantwortlich, dass meine Eltern tot sind!«, rief Olivia wütend über den Tisch.

Carter mutmaßte, dass sie schon ein oder zwei Bier Vorsprung hatte, so wie sie mit ihm sprach.

Er antwortete: »Dann sage ich dir besser nicht, dass ich über viele Jahre Captain einer Spezialeinheit der Allianz war. Und dass die Rebellen meinen Bruder auf dem Gewissen haben.«

Olivia blies bitter die Luft aus.

Carter fügte hinzu: »Und ich werde nicht ruhen, bis die Rebellion zerschlagen ist. Also, wie gelange ich an den Kerl, an den du diesen Koffer ausgehändigt hast?«

»Wem kann man in einer Welt voller Verrat und Unsicherheit vertrauen?«, sinnierte Olivia mit glasigem Blick. »Verdammt, ich kenne nicht mal deinen Namen.«

»Carter.«

Er nahm sein Glas und ließ das ›Bali Hai‹ seinen Rachen hinunterstürzen. Drei große Schluck und er stellte das halb leere Glas zurück auf den Tisch.

»Also gut, Carter«, begann Olivia. »Jetzt hör mal gut zu. Die Kontaktperson scheint nur ein kleines Licht zu sein, die wird dir überhaupt nichts bringen. Aber wenn du magst, gebe ich dir die Adresse.«

»Was ist mit diesem ›Wächter des Tors‹, diesem ›Penjaga Gerbang‹? Wie komme ich zu ihm?«

Olivia lachte so laut auf, dass die Fischer am Nachbartisch zu ihr herüberschauten. Ihre sonnengegerbten Gesichter nahmen einen amüsierten Ausdruck an.

»Niemand kommt so einfach zum Penjaga«, erklärte sie.

»Hm«, machte Carter. »Irgendetwas sagt mir, dass du nicht nur einmal für die Rebellen etwas ausgeliefert hast.«

»Kannst du nicht beweisen«, erwiderte Olivia launisch.

Carter seufzte und beugte sich über den Tisch. »Bitte. Es ist mir wichtig.«

»Warum?«

Carter hielt kurz inne. Sollte er es ihr wirklich sagen?

»Ich habe diesen Koffer schon einmal gesehen. Vor ein paar Wochen war ich bei einer Geiselbefreiung in New Caledon, doch die Rebellen haben den Gouverneur und alle Gefangenen getötet, und auch einige meiner Männer. Wir sollten außerdem diesen Koffer sicherstellen.«

Olivias helle Augen blickten ihn aufmerksam an. »Du warst bei dieser Sache dabei? Abgefahren!«

»Glaub mir, ich wünschte, ich wäre es nicht gewesen. Die Allianz hat mich für den Misserfolg verantwortlich gemacht und mich hierher strafversetzt. Als einfachen Bullen, verdammt. Ich will hier so schnell wie möglich verschwinden. Dieser Koffer ist eine Chance für mich. Und auch dieser Penjaga, wenn er Verbindungen zu den Rebellen hat.«

Olivia dachte nach. Carter fand, dass sie nicht mehr völlig ablehnend auf ihn wirkte. Ihre Hände umklammerten das Bierglas, in dem nur noch ein letzter bemitleidenswerter Schluck war. Die Augen der Diebin huschten immer wieder von Carters Augen zu seinem Mund.

Dann sagte sie: »Okay. Ich kann dich zum ›Penjaga Gerbang‹ bringen. Ich kenne einen Ort, den er hin und wieder aufsucht.«

»Meinst du das ernst?«, fragte Carter erstaunt. »Oder ist das wieder nur ein Witz?«

»Unter einer Bedingung.« Olivia hob drohend ihren Zeigefinger. »Du löschst alle meine Vergehen aus meiner Akte.«

»Vollständige Amnestie? Das kann ich unmöglich tun. Das wäre Betrug.«

»Dann kann ich dir leider nicht helfen.«

Olivia erhob sich plötzlich und machte Anstalten zu gehen.

»Halt!«, rief Carter und zerrte an ihrem Arm. »Ich meine, ich könnte dich auf der Stelle verhaften lassen.«

»Könntest du nicht«, erwiderte Olivia mit gelangweiltem Blick. »Du willst schließlich was von mir. Und ich kann dich hinführen.«

Carter erkannte, dass er mit der Diebin kooperieren musste, wenn er sein Vorhaben durchziehen wollte. Er saß nun nicht mehr am längeren Hebel, sondern war auf Olivias Hilfe angewiesen, so wie sie auf seine. Carter presste seine Zähne zusammen.

»Abgemacht«, knurrte er.

Über Olivias Gesicht zog ein flüchtiges Lächeln, und Carter wusste nicht, ob er sich mit diesem Entschluss wirklich einen Gefallen getan hatte.

»Meld dich bei mir«, sagte sie. »Ich muss jetzt gehen. Morgen habe ich ‘ne Menge zu tun, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Schon klar.«

Carter blickte auf Olivias fast leeres Glas.

Sie sagte: »Danke für die Einladung.«

Dann verschwand sie hinter den betrunkenen Fischern und ihr wippender Pferdeschwanz, der im Flackern der bunten Lichter schimmerte, war das Letzte, das Carter von ihr sah.

Der Sehende

Fen war nicht mehr als ein Schatten in der Dunkelheit, so wie er auf dem schmalen Trampelpfad den Hang erklomm. Die Nacht hing schwer über Tenggara, und die Luft war erfüllt von einer Schwüle, die Fens Sinne betäubte. Wie in der Macht einer unsichtbaren Hand verharrte die Welt in einer erstickenden Stille, bis morgen bei Tagesanbruch die Geräusche des Lebens in Form der erfrischenden Meereswinde zurückkehren würden. Leise und geschwind kletterte Fen über Wurzeln und Steine, schlängelte sich durch das dichte Geäst des Dschungels und erreichte schließlich das Plateau am Hang des Bergs. Vor ihm lag das Heiligtum.

Die Anlage des alten Hindutempels thronte weit über den Dächern der höchsten Gebäude Tenggara Havens und das spitze steinerne Hauptdach erhob sich majestätisch in den Sternenhimmel. Tian Fen warf einen kurzen Blick über seine Schulter hinunter auf die pulsierende Megametropole, ehe er die steinernen Stufen zum Tempelportal emporstieg.

Das gedämpfte Licht einiger Fackeln empfing ihn, als er durch das Tor in den Hof trat, wo die Zeit stillzustehen schien. Tian Fen war kein gläubiger Mensch, doch die erhabene Aura, welche der Tempel auf ihn hatte, ließ ihn mit einer gewissen Ehrfurcht den Hof durchschreiten. Es kam ihm gar so vor, als bestimmte eine höhere Macht in den Schatten sein Tempo.

Fen stieg die Treppe zum Hauptkomplex hinauf und im Innern begegnete er drei Sadhus. Die Männer in den orangenen Roben nickten ihm andachtsvoll zu. Er kannte sie von seinen vorigen Besuchen, annähernd 50 dieser Hindu-Mönche lebten in der kleinen Wohnanlage neben dem Tempel.

Die Wände waren mit verwitterten Reliefs und Inschriften geschmückt, welche von längst vergangenen Zeiten und vergessenen Legenden kündeten. Fen kannte keine einzige von ihnen, und im Grunde waren ihm diese Ammenmärchen herzlich egal. Das flackernde Licht der Kerzen warf gespenstische Schatten auf den steinernen Boden, der von unzähligen Schritten der Pilger vergangener Jahrhunderte geglättet worden war. Fen erreichte den Schrein. Er wusste irgendwo am anderen Ende verbarg sich die bronzene Skulptur irgendeiner Gottheit. Doch er war nicht ihretwegen hier, sondern wegen der Person, die im Schneidersitz auf einem Podest im Zentrum der Halle saß, umgeben von Kerzen und Dunkelheit.

Zwei Wochen war es nun her, als Tian Fen den ›Yang Melihat‹, den Sehenden, zuletzt besucht hatte. Die zwei Sadhus neben ihm lösten sich aus ihrer gottesfürchtigen Haltung, und verließen die Halle still und geschwind, als sie Fen entdeckten. Eine Aura der Ehrfurcht lag über dem Raum, und Fen spürte, wie eine unsichtbare Präsenz ihn umgab. Der Yang Melihat schien Fen durch seine blinden Augen zu betrachten, was ihm trotz der Hitze eine unheimliche Kälte auf seinem Rücken bescherte. Die letzten Meter kamen Fen wie eine Qual vor, wie der Gang zu einer Geißelung. Doch er blieb stark.

»Tian Fen«, schallte ihm die krächzende Stimme des Alten entgegen.

Der weiße Rauschebart des Yang Melihat und die Falten unter seiner polierten Glatze bewegten sich lebhaft. Fen trat an ihn heran und kniete vor den Kerzen nieder.

»Ich bin hier, weil ich Kunde bringen möchte«, sagte Fen.

Mit seinen weißen, blinden Augäpfeln starrte der Yang Melihat durch Fen hindurch ins Nichts. Fen wusste allerdings, dass er sich nicht der Illusion hingeben durfte, den alten Mann für das zahnlose Relikt einer vergangenen Epoche zu halten. Der Sehende war mächtig, und auch wenn er keinen direkten Einfluss auf Fen ausübte, so war er doch der Überbringer von Botschaften. Botschaften, an denen Tian Fens Existenz hing.

»Berichte mir«, forderte der Yang Melihat.

Fen holte Luft und sagte: »Der Schlüssel, er ist bei mir. Alles verläuft nach Plan.«

Der Yang Melihat nickte und schloss seine Augen. Es war totenstill und Fen meinte, das Flackern der Kerzen zu hören. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete der Alte seine Lider wieder.

»Und?«, fragte Fen ungeduldig. »Was kannst du mir berichten?«

Der Bart des Yang Melihat zuckte und Fen konnte nicht sagen, ob der alte Mann lächelte oder mit seiner Antwort zögerte.

Schließlich sagte der Sehende: »Die Zukunft hält das, was du dir selbst erschaffen wirst, Fen. Die Wege der Macht sind unvorhersehbar, und jeder Schritt, den du setzt, formt das Schicksal auf seine eigene Art und Weise.«

Die Rätselhaftigkeit der Worte des Sehenden trafen Fen wie ein undurchdringlicher Nebel.

»Was willst du damit sagen?«, fragte Fen flüsternd. »Ist der Meister etwa nicht zufrieden mit mir?«

»Die Zeit wird dich auf die Probe stellen, Fen«, antwortete der Sehende. »Sie wird deine Stärke und deinen Glauben herausfordern.«

Fen wurde ungeduldig: »Was heißt das, verdammt?«

Der Yang Melihat blickte zu Boden, schloss seine Augen erneut und sagte nach einer Weile: »Der Moment ist günstig. Doch der Widerstand schläft nie. Sei schnell und sei wachsam, nur so wirst du weiterhin in seiner Gunst stehen.«

Fen nickte, denn er glaubte zu begreifen, auch wenn seine Gedanken in seinem Kopf umherwirbelten. Er verstand, dass der Meister zufrieden mit ihm war. Dennoch sah sich Fen großen Herausforderungen gegenüber.

»Was weiß der Meister über die Mächte, die mich bedrohen?«, fragte Fen entschlossen. »Wie soll ich ihnen gegenübertreten?«

Der Yang Melihat lächelte sanft, als er die Frage seines Besuchers hörte. »Du trägst die Kraft der Wahrheit in dir. Vertraue darauf, dass das Licht der Hoffnung immer stärker ist als die Dunkelheit der Verzweiflung.«

Fen fühlte, wie eine Welle der Zuversicht seine Zweifel und Ängste fortspülte. Er wusste, dass er sich vielleicht nie vollständig bereit für diese große Aufgabe fühlen würde, doch das brauchte er womöglich überhaupt nicht.

Wann ist man schon bereit?, überlegte Fen.

Er würde es schaffen. Der Meister vertraute ihm, hatte ihn auserkoren, für das wohl wichtigste Ereignis des Jahrhunderts. Auf Fens Gesicht erschien ein freudiges Lächeln, der Yang Melihat jedoch hob mahnend seine schwache Hand.

»Der Meister blickt mit Zuversicht auf die kommenden Zeiten. Er sieht einer Materialisierung in der irdischen Wirklichkeit mit großen Erwartungen entgegen und einem direkten Austausch mit seinen Anhängern auf der Erde.«

Fen schluckte und es schien, als zitterten die Flammen der Kerzen um das Podest herum vor Angst. Noch nie hatte der Yang Melihat eine derart direkte Botschaft des Meisters verkündet, und zum ersten Mal überhaupt begriff Tian Fen, was da auf ihn zukam. Sein Meister war kein ätherisches Wesen einer von Menschen erschaffenen Religion. Er existierte, und er kommunizierte mit Fen aus seinem Exil durch den Sehenden. Und er, Fen, wollte alles tun, um in der Gunst seines Meisters zu bleiben. Dafür musste er gewährleisten, dass sein Vorhaben glatt über die Bühne ging.

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