Wir alle wussten, dass diese Gruselgeschichte, die Clive uns auftischte, absoluter Hokuspokus war. Dennoch saßen wir nun in seinem roten Ford Fiesta und ließen uns von den miserablen Landstraßen Südenglands durchschütteln. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, es wäre der ohne Unterlass aufs Autodach donnernde Novemberregen, der Clive dazu veranlasste, das Autoradio ausgeschaltet zu lassen.

Bereits kurz nach unserer Abfahrt in Ipswich waren die Scheiben des winzigen Fahrzeugs derart beschlagen, dass mir die Welt dahinter wie ein verschwommener, tränenbedeckter Traum erschien. Die klägliche Lüftung hatte gegen uns drei Erwachsene nicht die geringste Chance. Schon seit Tagen war es kalt, stürmisch und verregnet gewesen und jedes Jahr zog mich dieses Wetter erneut in einen Strudel der endlosen Traurigkeit, dem ich nur durch das alles verschlingende Kneipenleben in London entkommen konnte.

»Eine Geisterbeschwörung, ernsthaft?«, fragte ich. »Wir haben ja schon allerhand lächerliche Sachen gemacht, aber ist so etwas nicht ein bisschen zu blöd?«

»Wir beschwören keine Geister, Doris«, antwortete Clive ernst.

Auf unseren paranormalen Forschungsreisen, die Clive, Ernest und ich einmal im Jahr unternahmen, hatten wir schon allerhand Obskures erlebt. Als wir auf dem verfluchten Tierfriedhof in Sussex vor drei Jahren übernachteten, hatten wir mitten in der Nacht drei Pärchen beim Ficken beobachtet. Und in der ehemaligen Munitionsfabrik bei Leeds, in der es spuken sollte, trafen wir auf Wildschweine. Jedes Jahr durfte sich einer von uns eine Aktion ausdenken und dieses Jahr war Clive an der Reihe. Ich war mit der Bahn von London runter nach Ipswich getingelt und Ernest kam mit seinem Auto aus Blackpool. Bei unserer Abfahrt hatte Clive uns direkt in seinen vollgepackten Fiesta gelenkt und uns dieses uralte Buch in die Hände gedrückt. Dabei sah er uns bedeutungsschwanger an. Als ich es an der Stelle aufschlug, an der das schwarze Leseband heraushing, und ich zu lesen begann, boten sich mir nicht mehr, als ein paar an den Haaren herbeigezogene Beschwörungsformeln in stümperhaftem Altenglisch. Obwohl ich ein großer Fan klassischer Grusellegenden bin, verachtete ich all jenen altbackenen, esoterisch verklärten Okkultismus-Muff. Es war schließlich 1983.

Die Menschheit war längst im Raketenzeitalter angekommen. Wer glaubte noch an Zaubersprüche, wenn militärische Konflikte längst ins Weltall verlagert wurden? Alle sprachen nur noch von der »Strategic Defense Initiative«, Reagans glorreichem weltraumlokalisierten Abwehrschirm gegen russische Interkontinentalraketen. Der Kalte Krieg war nie so angespannt wie in diesen Tagen und zusammen mit diesem Mistwetter fühlte es sich für mich wie das Ende der Welt an. Als wäre die Menschheit nur noch einen Atemzug vom atomaren Overkill entfernt. Auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, dass unser tristes »Grey Britain«, wie ich es nannte, zu einer noch lebloseren Einöde werden konnte.

»Mal im Ernst, Clive«, sagte ich. »Fährst du absichtlich so weit raus? Gib zu, du willst uns besoffen machen, bis wir nichts mehr mitbekommen. Dann schneidest du uns die Kehle durch, klaust unsere Portmonees und schmeißt uns die Klippe runter.«

Ernest lachte: »Da wird er aber Pech haben. In meiner Brieftasche ist totale Ebbe.«

»Wir sind gleich da«, sprach Clive ernst. »Ich dachte, es geht schneller. Nimm dir noch ein Bier.«

Der Fiesta schaukelte gefährlich auf, als Clive ihn um eine enge Kurve lenkte. Eine Bierdose rollte dabei unter Ernests Sitz hervor. Ungelenk beugte ich mich hinab, hob sie stöhnend auf und als ich sie öffnete, schoss kalter Bierschaum auf meine Jeans. Die vordere Reihe konnte mein Gefluche nicht überhören und Ernest quittierte es mit einem gemütvollen Lachen. Umständlich wischte ich mir den Bierschaum von der Hose. Ich wusste nicht, ob es die vierte oder fünfte Dose auf dieser Fahrt war. Mit schwerem Blick betrachtete ich noch eine Weile meine Schenkel, die von Jahr zu Jahr fetter wurden. Kein Wunder, dachte ich. Dieser verfluchte Schreibmaschinenjob hält mich die ganze Woche lang gefesselt. Wie soll ich mich da bewegen? Ich setzte die Dose an meinem Mund an, goss das prickelnde Bier runter und sah durch die beschlagene Scheibe hinaus in die vernebelte Realität.

»Was ist denn der Preis in diesem Jahr?«, fragte Ernst und riss mich aus meinen Gedanken.

Clive lachte. Das erste Mal seit unserer Abfahrt, wenn ich mich recht erinnerte. Er hatte ein beschissenes Jahr gehabt, das hatte er zumindest angedeutet. Aber selbst jetzt, wo ich seine zusammengekniffenen Augenbrauen im Spiegel erblickte, sah er immer noch verdammt gut aus. Ein bisschen wie Adam Ant.

»Okay«, sagte er. »Ihr gebt ja doch keine Ruhe. Eines vorweg, es ist nicht der Blob.«

Ich verschluckte mich beinahe vor Lachen, als er das sagte. Jedes Jahr gab es für den, der das Wochenende am ehrenhaftesten überstand, eine Trophäe. Im letzten Jahr hatte Clive den Wampa aus »Das Imperium schlägt zurück« gewonnen und so musste er in diesem Jahr die Trophäe spenden. Früher waren es vor allem Poster von Science Fiction- und Horrorfilmen. Seit drei Jahren verschenkten wir allerdings Actionfiguren, die es mittlerweile in jedem halbwegs vernünftigen Spielwarenladen gab. Und der Blob war ein Running Gag. Niemand wollte eine Actionfigur dieser blutig-dunklen, wabernden Masse haben. Doch insgeheim hätte es mich schon interessiert, wie das Ding ausgesehen hätte.

»Schade«, lachte ich.

»Ist es der unsichtbare Mann?«, fragte Ernest.

»Kurt Russell fände ich gut«, rief ich.

»Twiki«, sagte Clive ernst.

Obwohl ich Ernests Gesicht nicht sah, konnte ich mir seinen entsetzten Ausdruck wahrlich vorstellen.

»Twiki?«, quiekte er.

»Twiki«, antwortete Clive mit derselben monotonen Stimme und bog um eine scharfe Linkskurve.

»Warum nicht C3PO?«, fragte ich. »Warum so ein drittklassiger Roboter. Im Ernst, sogar ein Zylon wäre besser gewesen.«

»Habt ihr den letzten Galactica-Film eigentlich gesehen«, verteidigte sich Clive. »Die Szene mit den fliegenden Motorrädern hat den ganzen Film ruiniert. Dagegen hat Buck Rogers durchgehend Klasse bewiesen. Und ich finde Twiki ziemlich cool.«

»Ziemlich kindisch, wolltest du sagen«, scherzte ich.

»Wir sind da«, sagte Clive auf einmal.

Er fuhr den Ford auf einen Schotterplatz und stellte den Motor ab. Das Pfeifen des Windes war so stark, dass er sogar den Wagen schaukeln ließ.

»Und jetzt?«, fragte Ernest.

Clive schnallte sich ab und drehte sich zu mir um. Er blickte auf meine nasse Hose, dann auf meine Brüste, die mein gelber Pullover verdeckte und erst dann in meine Augen. Und ich weiß nicht warum, aber etwas ließ seine Augen glanzlos erscheinen. Ich konnte Stimmungen bei Menschen eigentlich recht gut deuten, doch dafür war ich langsam zu betrunken. Es bereitete mir jedenfalls ein gewisses Unbehagen, von Clive so angestarrt zu werden. Irgendetwas war mit ihm im letzten Jahr geschehen. Clive ließ Ernest und mich noch im Unklaren darüber, aber er würde es uns schon noch sagen.

»Jetzt wird deine Hose noch ein bisschen nasser. Wir machen eine kleine Bootsfahrt«, sagte er.

Clive öffnete die Tür und der Wind stürmte den Innenraum. Meine Haare tanzten vor meinem Gesicht und ich sah, wie Ernest, die hereinpreschenden Regentropfen von seinem Gesicht fernzuhalten versuchte. Clive klappte den Fahrersitz um und ließ mich heraus. Meine Schnürstiefel knirschten auf dem matschigen Schotter. Ich sah mich um und erblickte dieselbe Landschaft wie in den letzten anderthalb Stunden auf dieser Fahrt: verregnete Felder, Wald, verstreute Höfe.

Als ich in den Kofferraum blickte, war ich überrascht, was Clive alles zutage förderte. Der Fiesta war ein mikroskopisch kleines Fahrzeug, dennoch passte neben drei Fahrgästen und ihren Rucksäcken auch ein zusammengerolltes Schlauchboot, zwei zusammensteckbare Paddel, eine Tretpumpe und eine weitere Palette Bier hinein.

»Was hast du denn mit dem Boot vor?«, fragte Ernest.

Statt einer Antwort nickte Clive nur mit dem Kopf über das Autodach hinweg. Mein Blick fiel auf den Zaun, den ich überraschenderweise erst jetzt sah. Unweit des Parkplatzes erstreckte er sich im diesigen Regen über die halbe Landschaft. Überkront mit Stacheldraht. In zweiter Reihe befand sich ein weiterer Zaun. Langsam bekam ich Schiss, denn mir schwante, in was für eine Sache Clive uns hier reinziehen wollte. Ich rückte meine Kapuze zurecht und näherte mich langsam einem Schild, das am Zaun angebracht war.

»Militärisches Übungsgelände«, las ich. »Unbefugter Zutritt strengstens untersagt. Schusswaffengebrauch.«

Ich hatte nicht das geringste Interesse als Landesverräterin erschossen zu werden. Als ich mich umdrehte, traf mein Blick auf Clives Lächeln. Es war nicht unbedingt ein Lächeln, das man seinen langjährigen Freunden schenkte, wenn man mit ihnen ein schwachsinniges Saufwochenende verbringen wollte. Es wirkte eher besorgniserregend.

»Clive, Kumpel!«, rief Ernest, »Würdest du bitteschön mit der Sprache rausrücken, wo zur Hölle wir sind?«

»Tyneham«, antwortete ich.

»Tyneham?«, fragte Ernest.

»Dorset«, sagte ich.

Ernest lachte laut los. Seine nassen Haare hingen ihm ins Gesicht. Er war offenbar auch schon ziemlich betrunken.

»Ich hätte schwören können, du hättest uns bis nach Schottland hochgekarrt! Bei dem Wetter hier. Und hier willst du das Jenseits anrufen?«

»Exakt«, antwortete Clive.

»Nein«, sagte ich bestimmt. »Ich werde auf keinen Fall in eine militärische Anlage einbrechen und mein Leben riskieren, für solch einen Mist.«

»Das ist kein Mist«, verteidigte sich Clive.

»Sorry, ich werde nur mitkommen, wenn du mir versicherst, dass ich für diese Aktion nicht in den Knast wandern werde.«

»Also schön«, beschwichtigte Clive. »Wie ihr in dem Buch bereits nachlesen konntet, befindet sich darin eine Anleitung für eine Verbindung ins Jenseits, genauer gesagt zu der dunklen Seite des Jenseits.«

»Ja schön«, sagte Ernest, »aber war dort nicht von so etwas wie einem Schlüssel die Rede?«

Clive schaute düster unter seiner Kapuze hervor und als hätte er die Frage erwartet, kramte er in der Tasche seines Parkers und holte eine goldfarbene Kette heraus, an deren Ende ein protziger Schmuckanhänger hing. Ohne seinen Blick von uns abzuwenden, hielt er sie uns hin.

»Der Schlüssel«, sagte er. »Den brauchen wir, wenn wir in der Kirche von Tyneham das Tor zum Jenseits öffnen wollen. Und Doris, du kannst ganz beruhigt sein. In dieser Anlage gibt es seit zehn Jahren schon keine militärischen Aktivitäten mehr.«

»Du spielst auf diesen Zwischenfall von 1974 an«, sagte ich. »Ich habe darüber gelesen. Ich persönlich halte diese Geschichte für Quatsch, zumal die einzigen Informationen aus einer Enzyklopädie für paranormale Ereignisse eines Altnazis und aus einem fragwürdigen Zeitungsbericht der lokalen Presse stammen. Die britische Armee wird wohl kaum einen Truppenübungsplatz aufgeben, weil sie ein interdimensionales Tor geöffnet hat.«

»Du irrst dich«, rief Clive und steckte die Kette wieder ein.

»Ich bin vor in paar Jahren hier vorbeigekommen«, sagte ich. »An der Nordflanke gibt es einen Parkplatz, von dem aus man das gesamte Gelände überblicken kann. Wie will das Militär ein solches Gebiet in Vergessenheit geraten lassen?«

»Indem sie so tun, als wäre es ein Truppenübungsplatz«, argumentierte Clive.

»Und die Schussgeräusche?«

»Geräusche vom Band. In den Gebüschen sind Lautsprecher versteckt. Doris, ich verspreche dir, dass wir dort drin keinen Soldaten begegnen werden.«

Eine Weile sah ich ihn an. Er glaubte diese Geschichte vollkommen. Meine Hand, die das Bier hielt, war inzwischen eiskalt geworden und der ergiebige Regenschauer war dem feinen, alles durchdringenden, verachtenswerten englischen Landregen gewichen. Ich nahm einen großen Schluck und rülpste betont undamenhaft.

»Das ist deine Zusage, Doris«, amüsierte sich Ernest. »Komm schon. Das wird lustig.«

»Willst du mit dem Boot über den Zaun schwimmen?«, fragte ich.

Aufrufe: 14