Ernest griff in seine Jackentasche und warf mir im Dunkeln die Dose entgegen. Meine Reaktionsfähigkeit war längst auf dem Niveau einer Schnecke angelangt. Die Dose traf mich an der Hüfte und knallte irgendwo unter mir auf den Kirchenboden.

»Clive, hattest du nicht was von einem Taufbecken erzählt?«, fragte Ernest.

Mit meiner Lampe suchte ich den Boden ab und fand das Bier in der Mitte zwischen Ernest und mir. Ich bückte mich und merkte, dass der Alkohol mein Gleichgewichtssinn ausgeschaltet hatte. Ich kippte zur Seite und blieb neben meiner Dose liegen. Ernests Lachen hallte durch die Kirche.

»Es gibt im Gewölbe ein zweites Taufbecken«, rief Clive teilnahmslos.

Der Boden war kalt und hart. Meine Augen kullerten unbeherrschbar in den Augenhöhlen und versuchten die Decke zu erkennen. Ernest erschien über mir und reichte mir seine Hand. Ich riss den Kopf zur Seite, schnappte meine Dose und ließ mich von ihm hochziehen.

»Wetten, dass du heute zuerst kotzt?«, lachte er. »Dann ist die Entscheidung, wer Twiki bekommt, nur noch eine Sache zwischen Clive und mir.«

Ich wollte ihm etwas schlagfertiges antworten, doch das brachte ich nicht mehr fertig. Die Antwort immer noch in meinem Kopf zurechtlegend wankte ich zu Clive, der mit dem Rücken zu uns stand. Mit beiden Händen packte ich ihn an seiner Hüfte, drückte mich an ihn heran und biss ihm in die Jacke. Hätte es mich stutzig machen müssen, dass er nicht reagierte? Ich weiß es nicht. In diesem Augenblick war ich jedenfalls der Sklave des in mir zirkulierenden Nervengifts. Und das wollte weiter trinken. Und später noch diesen Mann, den ich festhielt, ausziehen und in mir spüren. Ich schmiegte mich an seine Seite und küsste ihn.

»Es ist ein verdammt tiefer Abgrund, in den ich gefallen bin«, begann Clive.

Ich wusste, was folgen würde. Meinen Armen hielten ihn weiterhin umschlungen und ich hörte zu.

»Nachdem all diese schrecklichen Dinge passiert sind, kam ich einfach nicht mehr zurecht. Meine Eltern hatten Anfang des Jahres einen Autounfall. Mom hat ihn schwer verletzt überlebt, aber Dad hat es nicht geschafft. Und nur drei Monate später haben die Ärzte Dannys Maschinen abgestellt.«

Clives kleinerer Bruder Danny wurde im Falklandkrieg schwer verletzt. In einer spektakulären Aktion hatte die Armee ihn aus dem umkämpften Gebiet retten können und ihn zurück nach England geflogen. Ich wusste, dass er monatelang im Koma gelegen hatte und dass die Ärzte ihn längst aufgegeben hatten.

»Christie hielt es mit mir nicht mehr aus. Ich stürzte mich in meinen Job, blieb meist den ganzen Tag im Labor und sah die Kinder kaum. Sie sagte, ich sollte mir Hilfe suchen, damit ich über Dads und Dannys Tod hinwegkomme. Ich tat es nicht und so hat sie mich rausgeschmissen.«

»Und das Labor?«, fragte ich.

»Umstrukturierungsmaßnahmen«, flüsterte Clive.

Ich hörte ihn schluchzen. Noch eine Weile standen wir so da. Ernest musste uns beobachten. Ich konnte jetzt verstehen, dass Clive sich nach Abwechslung sehnte.

»Dort drüben geht es hinunter«, sagte Clive leise.

Er machte sich frei und ließ mich irritiert zurück. Ich blickte zu Ernest, doch sein Gesicht verbarg sich in der Dunkelheit und ich konnte keine Regung ablesen. Wir folgten Clive vorbei am Altar, durchschritten einen engen Durchgang, den sich anschließenden winzigen Raum hin zu einer schmalen, hinabführenden Wendeltreppe. Entschieden schritt Clive die steinernen Stufen hinunter.

Ich war zwar voll wie ein Seemann auf Landgang, dennoch machte sich eine gewisse Unruhe in mir breit. Ich redete mir ein, dass es Quatsch sei, sich Sorgen zu machen. Doch ich hatte das ungute Gefühl, dass Clive sehr genau wusste, was er vorhatte. In all den Jahren waren unsere Ausflüge immer von Spontaneität geprägt. Jetzt, wo wir hinabstiegen in die Finsternis, musste ich Clive vertrauen, selbst unter diesen Umständen. Doch für mich fühlte es sich an, als führte er uns in den Schlund eines Monsters. Gott, sogar in meinen Gedanken lallte ich.

Unten in dem niedrigen Gewölbe war es wenig spektakulär. Ein paar herumliegende Bruchsteine erschienen im Schein meiner Taschenlampe, vermutlich Ersatz für einst geplante Ausbesserungen am Gebäude. In den Ecken waren ein paar leere Holzkisten und zentral im Raum befand sich das Taufbecken.

»Das sieht aber älter aus«, meinte ich.

»Die ursprüngliche Kirche stammt aus dem dreizehnten Jahrhundert«, sagte Clive. »Ich darf euch bitten, zu mir zu kommen, denn ich beginne jetzt mit der Zeremonie.«

So wie er das sagte, klang er wie der verrückte Anführer einer Drogensekte. Seine schwarze Gestalt stand bereits am Beckenrand und hatte Dalings Buch und das Medaillon herausgeholt. Ich torkelte hinüber, hielt mich am Beckenrand fest. Ernest leuchtete in das aus Stein gehauene Becken. Außer den leeren Hüllen verstorbener Insekten, befand sich nichts darin. Ich blickte zu Clive neben mir. Er hielt die Kette über das Becken. Mit meiner Lampe leuchtete ich die Seiten des Buches an.

»Seid ihr bereit?«, fragte er.

»Fang endlich an,« drängte Ernest. »Ich muss pissen.«

Ein Frösteln durchfuhr mich. Clive räusperte sich und las mit monotoner Stimme Dalings Passage für die Kontaktaufnahme mit dem Jenseits vor.

»Große Geister wir rufen euch. Ihr unbekannten Wesen aller Welten, öffnet die Tore des Himmel und der Zeit. Ich als Träger des Schlüssels gewähre euch Einlass in unsere Welt.«

Es war totenstill. Keiner von uns wagte, etwas zu sagen. Ich merkte, wie ich den Atem anhielt. Nach einer gefühlten Ewigkeit prusteten Ernest und ich laut los. Clive stand immer noch still am Beckenrand.

»Komm schon«, lachte Ernest. »War doch lustig. Ihr entschuldigt mich.«

»Nein!«, fauchte Clive. »Ich will es weiter versuchen. Ich habe irgendetwas übersehen.«

»So wie du dich aufführst, könnte man den Eindruck bekommen, dass du es ernst meinst«, sagte ich.

Ernest winkte ab, ging in eine Ecke und erleichterte sich dort. Clive schien das überhaupt nicht zu kümmern. Langsam schien sich das, was ihn innerlich aufwühlte, nach außen zu gelangen.

»Na, immerhin nicht ins Taufbecken«, sagte ich.

»Seid still!«, herrschte Clive.

Wie ein Dieb auf der Suche nach einem geheimen Tresor tastete er das Taufbecken ab. Ich hörte Ernests Reißverschluss.

»Daling fand den Text in einer alten Schrift«, sagte Clive zu sich. »Möglicherweise hatte er etwas falsch übersetzt. Andererseits war er auch nicht im Besitz des Schlüssels. Ah, hier! Ich glaube, ich habe etwas gefunden.«

Er beugte sich nach unten und betrachtete die Unterseite des überstehenden Beckenrandes. Unschlüssig über das, was er vorhatte, ließ ich mich neben ihm nieder. Sein Verhalten fand ich allmählich besorgniserregend.

»Wo hast du die Kette eigentlich her?«, fragte ich.

Er führte sie unter den Beckenrand. Offenbar befand sich eine Einlassung darin, denn seine Hand kam ohne die Kette wieder zum Vorschein. Dann erhob er sich und starrte in die Steinschale.

»Hey Doris«, hörte ich Ernest sagen. »Wie sieht’s aus? Willst du noch was trinken?«

Doch ich antwortete nicht. Gebannt blickte ich in das Steinbecken, denn Clive schien tatsächlich etwas in Gang gesetzt zu haben. Ich suchte nach einer Erklärung dafür, dass sich das Becken wie aus dem Nichts mit einer klaren, leuchtenden Flüssigkeit füllte.

»Sieh dir das an«, hörte ich mich sagen.

»Es funktioniert«, flüsterte Clive.

Mir war es unbegreiflich, was ich hier sah. Woher kam diese Flüssigkeit, die viel zäher als Wasser aussah, auf der sich aber dennoch Wellenbewegungen abzeichneten. Und woher kam dieses Leuchten? Es erhellte das ganze Gewölbe.

»Ach du Scheiße!«, fluchte Ernest.

Die wabernde Masse stand bis an den Rand des Beckens. Ich trat vorsichtshalber einen Schritt zurück. Aber Clive beugte sich weit über das Steinbecken, fast so als ob er genau sehen wollte, was dort vor sich ging. Ich wollte das auf keinen Fall und so schritt noch weiter zurück. Ich blickte zu Ernest, der es mir gleich tat und mich verunsichert anblickte.

»Clive«, zitterte ich. »Vielleicht solltest du nicht so nah … «

Bevor ich die Warnung ganz aussprechen konnte, schoss etwas aus der Flüssigkeit heraus. Ein klebriger Pfropfen setzte sich an Clives Gesicht fest. Es sah aus, als wäre es die Masse selbst. Ich schrie.

Clive wehrte sich und versuchte vergeblich, dieses Zeug von seinem Gesicht abzubekommen. Es schnürte ihm die Luftzufuhr ab. Mit seinem seltsamen Leuchten schlang sich die Masse immer weiter um Clives Kopf herum.

Unterhalb des Kopfes ragte die Flüssigkeit wie ein durchsichtiger Baumstamm ins Becken. Dieser Bereich färbte sich mit einem Mal blutrot. Ich musste Clive helfen, doch ich traute mich nicht heran. Als wäre mein Körper in Vollnarkose, harrte ich an meiner Position aus und sah alles mit an.

Auch Ernest schrie. Clive zitterte wie auf Heroinentzug und seine Hilfeschreie drangen dumpf aus dem Innern der Masse.

»Es bringt ihn um!«, schrie ich.

Ich weiß nicht, was es war, aber ich schaffte es, mich aus meiner Schockstarre zu lösen. Ich nahm einen der Bruchsteine vom Boden und lief auf das Taufbecken zu. Mit voller Wucht schmetterte ich den Stein gegen den zähflüssigen Stamm. Dort verfing er sich und prompt bildete sich an dieser Stelle eine weiße Kruste. Die Masse blieb weiterhin an seinem Gesicht haften. Aus purer Verzweiflung griff ich nach Clives Händen und zerrte ihn weg. Es gelang mir nicht, denn dieses Zeug zog ihn ans Becken zurück. Als Ernest mir zur Hilfe eilte, verflüchtigte sich alles Rot aus dem Stamm und die Flüssigkeit wich mit ungeahnter Geschwindigkeit von Clives Kopf. Wir konnten ihn nicht halten und Clive stürzte zu Boden.

»Verfluchter Mist!«, schrie Ernest. »Clive, ist alles in Ordnung?«

»Nichts ist in Ordnung«, bemerkte ich. »Dieses Zeug hätte ihn beinahe umgebracht? Lass uns abhauen!«

»Ist es weg?«

»Sieh doch selbst nach!«

Ernest stand auf und ging zum Becken, während ich Clives Kopf hielt. Ich sah keine äußeren Wunden.

»Nichts mehr da!«, sagte Ernest.

Und erst da bemerkte ich, dass auch das Leuchten verschwunden war und wir wieder im schwachen Schein unserer Taschenlampen hockten. Clive öffnete langsam die Augen.

»Leute«, stöhnte er. »War das abgefahren?«

Ich blickte zu Ernest. Der schüttelte den Kopf und rief: »Alter, ich dachte, dieses Zeug würde dich umbringen. Was war das?«

»Keine Ahnung«, hustete er. »Ich habe nur gemerkt, wie es sich überall festsetzte. Es ging in meinen Mund und meine Nase … «

Er schluckte.

»… meinen Rachen runter und in meine Ohren. Und dann … und dann war es plötzlich weg. Ich muss was trinken.«

Mit zittriger Hand reichte ich ihm mein Bier und er trank es wie ein Verdurstender. Er richtete sich auf und hielt sich dabei seinen Brustkorb.

»Geht es dir gut?«, fragte ich.

»Geht schon«, antwortete Clive. »Wahrscheinlich hat dieses Zeug meinen Rachen so stark geweitet, dass es jetzt einfach noch ein bisschen schmerzt. Ansonsten fühle ich mich prima.«

Er hustete und ich glaubte ihm nicht.

»Lasst uns von hier verschwinden«, sagte ich.

Ernest half mir, Clive auf die Beine zu stellen. Immerhin gelangte er ohne Probleme in einen sicheren Stand. Dann schlurfte er bedächtig zum Becken hinüber und entfernte die Kette aus der Öffnung. Ich war immer noch perplex. Ich fragte mich, ob das alles ein inszenierter Taschenspielertrick war. Ob Clive uns vorführte. Ob wir aus der Kirche kommen und jemand »versteckte Kamera« rufen würde. Schnell verließen wir das Gewölbe und zwängten uns die Wendeltreppe hinauf.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Ernest.

»Jetzt trinken wir den Rest aus«, antwortete Clive. »Wir müssen das ansonsten alles zurückschleppen.«

Oben angekommen, hielt er sich erneut die Brust und hustete, dieses Mal heftiger als zuvor. So, als ob er einen nicht zu bändigenden Hustenreiz hatte. Als er merkte, wie ich ihn anstarrte, raffte er sich auf und ging weiter. Wir traten ins Kirchenschiff und hielten direkt auf die Tür zu, als Clive mich ansprach.

»Doris, ich hätte dir das mit Christie schon eher sagen sollen. Ich weiß … ich weiß, dass ich ehrlicher zu dir hätte sein müssen. Vielleicht können wir das … das ab jetzt … ändern.«

Clive hustete wieder. Er griff meine Taille und sah mich an. Im Dunkel konnte ich es nicht erkennen, doch meine Hand fühlte, dass sein Gesicht mit kaltem Schweiß bedeckt war. Ich hörte, dass er flach atmete. Etwas stimmte nicht mit ihm, doch ich schob es auf den Schock, den er hatte. Langsam zog er mich an sich heran. Ich war zu betrunken, um seinen Zustand weiter zu hinterfragen. Und eigentlich wollte ich das auch gar nicht. Behutsam legte ich meine Lippen auf seine und begann ihn zu küssen.

»Ich hatte Angst um dich«, flüsterte ich.

Clive sagte nichts. Seine kalten Hände glitten unter meinen Pullover, fuhren meinen Rücken hoch bis zum Verschluss meines BHs. Während meine Zunge in seinem Mund herumfuhr, drückte seine linke Hand meine Hüfte fest an sich und seine rechte fuhr unter den BH und streichelte meine Brüste. Ich wusste, dass Ernest vor der Kirche warten würde, bis wir fertig waren.

Kurz löste ich mich von seinem Mund, sah hinauf zur Decke. In einer Kirche hatte ich es wahrlich noch nie getrieben. Ich genoss seine Hände. Dann griff seine rechte Hand meinen Brustkorb und presste ihn gegen seinen. Ich küsste ihn erneut. Da bemerkte ich etwas hartes an seinem Bauch. Es war zu fest und zu groß, um es zu ignorieren. Clive ließ sich nichts anmerken, sondern streichelte und küsste mich ohne Unterlass. Seine Zunge umspielte meine. Ich überlegte, ob er etwas unter seiner Jacke trug. Dieses harte Etwas rutschte ein bisschen nach oben. Und wieder nach unten. Ich merkte, dass seine Position von Clives Atmung abhing. Seine Hände fuhren in meine Hose unter meinen Slip und erreichten meinen Hintern.

Mit einem Mal hustete Clive. So unerwartet, dass er nicht von meinem Mund wegkam. Und so heftig, dass er dabei spukte. Ich ließ ihn los und betrachtete ihn in der Finsternis.

»Entschuldige«, hustete er.

Ich nahm meine Taschenlampe aus Jackentasche und leuchtete ihn an. Ich erschrak! Clive sah furchtbar aus. Er war so bleich wie die Kreidefelsen von Beachy Head und seine Haut glänzte, als hätte man ihn mit Fett übergossen. Doch am schlimmsten war das Blut, dass seinen Mund herunterlief. Er krümmte sich jetzt vor Schmerzen und hustete noch immer. Ich fuhr mit der Hand über meine Lippen und sah sie angewidert an. Schnell spuckte ich das Blut aus, das Clive in mich gehustet hatte.

»Wir sollten dich schnellstens in ein Krankenhaus bringen«, sagte ich.

Clive antwortete nicht. Ich sah mich um. Ernest war nicht zu sehen. Clive würgte und stieß einen schmerzhaften Schrei aus. Er hatte Mühe, auf seinen Beinen zu bleiben. Sein Schreien überschlug sich. Offenbar, hatte er ernsthafte Schmerzen. Ich schrie nach Ernest und sofort stürmte er durch die Kirchentür.

»Es geht ihm schlecht. Wir müssen ihn sofort hier raus schaffen!«, sagte ich.

In diesem Augenblick hörte ich ein Knacken. Hastig richtete ich meine Taschenlampe auf Clive. Er hatte seinen Oberkörper weit nach vorn gebeugt. Unter seiner Jacke spritzte Blut auf den Kirchenboden. Ich packte Clive und zog ihm die Jacke aus. Egal, was gerade mit ihm passierte, wir mussten seine Wunde stillen und ihn von hier wegschaffen. Ich versuchte, ihn aufzurichten. Doch Clive wehrte sich. Der Lichtkegel der Taschenlampe erfasste eine immer größer werdende rote Lache auf dem Boden.

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